Der Sinne beraubt

Online gegen offline: Wo liegt die Zukunft von Meetings?

Was passiert, wenn unsere Welt immer virtueller wird? 5-Sterne-Redner Winfried Bürzle erklärt, was das mit unseren fünf Sinnen macht.

„Ich kann den Menschen einfach nicht riechen!“ Diesen Satz haben Sie sicherlich schon oft gehört oder selbst formuliert. Es ist ein Satz, der aus einer emotionalen Haltung heraus und meist sehr spontan geäußert wird. Dabei scheint er aus rationaler Betrachtung heraus weder besondere Berechtigung noch erwähnenswerte Konsequenzen zu haben. Und doch macht er die Problematik unserer digitaler werdenden Welt und unserer Meetingkultur auf ganz besondere Weise deutlich: Je virtueller wir uns in dieser Welt begegnen, desto verkümmerter werden unsere Sinneseindrücke von dieser Welt. Und das möglicherweise mit Folgen.

Unsere fünf Sinne – ein starkes Team!

Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Diese fünf Sinne sind es, die uns die Wahrnehmung unserer Umwelt ermöglichen. Wer glaubt, nur die beiden Fernsinne wie Sehen und Hören seien entscheidend, der negiert die Bedeutung der Nahsinne. Um sie zu verstehen, schauen wir auf erste kindliche Erfahrungen zurück. Ein Neugeborenes sieht noch nicht besonders gut. Der Duft der Milch aber führt es zur Mutterbrust. Ähnliche Zusammenhänge sind auch beim Tast- und Geschmackssinn nachzuweisen. Dass ich den Geschmackssinn hier ausspare, liegt in der Natur der Sache. Es geht um das Thema Meetings. Es ist doch eher davon auszugehen, dass sich die Teilnehmenden in der Regel nicht gegenseitig „schmeckend“ begegnen.

Reichen zwei Sinne nicht völlig aus?

Nun mögen sie einwenden, dass dieser kleine Ausflug in unsere Entwicklungsgeschichte zwar ganz interessant aber doch nicht relevant sei. Schließlich agieren wir als Erwachsene in einer aufgeklärten Welt. Und da genügten die beiden Fernsinne Sehen und Hören doch absolut. Wie oberflächlich diese Betrachtung für Entscheidungen in Unternehmen ist, zeigt Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin in seinem Buch „Bauchentscheidungen“ auf. Demnach sind die Hälfte dieser Entschei-dungen reine Bauchentscheidungen. Also Entscheidungen, die von Intuitionen, von „gefühltem Wissen“ getragen werden. Für den Bauch aber brauchen wir alle Sinne!

Riechen und Tasten – eine wahre Offenbarung!

Jede Person, die sich schon mal unsterblich verliebt hat, weiß um die Bedeutung des Geruchs des geliebten Menschen. Man kann gar nicht genug davon bekommen. Umgekehrt aber gilt das genauso. Diese Erfahrung machen wir auch bei einem Präsenz-Meeting. Menschen, die uns angenehm sind, weil wir sie riechen können. Oder eben Menschen, die wir meiden, weil wir ihre Ausdünstungen nicht ertragen. Extrem wichtige Botschaften für uns, die im virtuellen Meeting komplett wegfallen.

Der Tastsinn hat es nicht weniger in sich als der Geruchssinn. Schon der Handschlag zu Beginn eines Präsenzmeetings verrät mehr über einen Menschen als tausend Worte. Da ist der Typ Mensch, dessen Handschlag sich anfühlt, als würde man eine Leiche begrüßen. Kein Zupacken, keine Entschlossenheit, kein Vorangehen. Und dann gibt es auf der anderen Seite die Kraftprotze, die den Handschlag verwechseln mit dem Griff an die Langhantel. Ringträger können ein Lied davon singen, wie es sich anfühlt, wenn sich das Metall ins Fleisch bohrt. Oft gehen diese Kraftmeier geschäftliche Ziele ähnlich grobklotzig an wie ihre sportlichen.

Online, bis uns Sehen und Hören vergeht!

Nun könnte man einwenden, dass die beiden Fernsinne Sehen und Hören aber doch zumindest die wichtigsten seien. Nur: Auch Sehen und Hören sind im Netz nicht dasselbe wie in Präsenz. Wer regelmäßig in Webmeetings unterwegs ist, weiß, wie labil die Verbindungen sein können. Und dann quäkt, piept und knarzt es im Audiogebälk, dass man sich nicht sicher ist, ob das Gegenüber ein Alien oder Mensch aus Fleisch und Blut ist. Schwierige Raumverhältnisse mit Hall-, Echo- und anderen Zerreffekten kommen noch dazu.

Ähnliches spielt sich bei der Bildqualität ab. Schlechte Verbindungen, unzureichende Kenntnisse der Teilnehmenden über Licht, Bildausschnitt, Sitzposition etc. lassen manches Meeting zur Farce werden. Dazu bekommen wir online nur eine zwei-dimensionale Darstellung des Gegenübers geboten. Keine räumliche Einordnung der Person, Größe und Masse sind nicht einzuschätzen. Sitzt da ein Riese mit 2,15 Meter vor mir oder ein klein gewachsener Mensch von 1,50 Meter? Was ist mit der Proxemik, dem Raum- und Distanzverhalten der Person? Ist es eine, die aktiv nach vorne geht oder eher eine, die sich gerne versteckt und abtaucht in der Tiefe des Raumes?

So lautet das Fazit:

Die finanziellen, räumlichen und zeitlichen Vorteile virtueller Meetings liegen auf der Hand. Deswegen haben sie Zukunft, keine Frage. Vor allem dort, wo es nur um Wissensaustausch- und Vermittlung geht. Ersetzen werden sie Präsenz jedoch nicht. Die Zukunft ist hybrid. Nur wenn ich meine Partner schon mal gefühlt, gerochen, gehört, gesehen und eben „erlebt“ habe, bin ich bereit, mit ihnen virtuell zu kommunizieren. Ganz einfach deswegen, weil sie mir bereits vertraut sind. Vertraut hat mit Vertrauen zu tun. Und das geht über meinen Bauch, nicht über die Kacheln am Display! Es ist eben wie mit den Geschäften, die nicht in Konferenzen und Meetings gemacht werden. Sie werden abends an der Hotelbar gemacht. Denn dort stellt sich heraus, ob die „Chemie stimmt“ zwischen den Partnern.

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Unsere fünf Sinne – ein starkes Team!

Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Diese fünf Sinne sind es, die uns die Wahrnehmung unserer Umwelt ermöglichen. Wer glaubt, nur die beiden Fernsinne wie Sehen und Hören seien entscheidend, der negiert die Bedeutung der Nahsinne. Um sie zu verstehen, schauen wir auf erste kindliche Erfahrungen zurück. Ein Neugeborenes sieht noch nicht besonders gut. Der Duft der Milch aber führt es zur Mutterbrust. Ähnliche Zusammenhänge sind auch beim Tast- und Geschmackssinn nachzuweisen. Dass ich den Geschmackssinn hier ausspare, liegt in der Natur der Sache. Es geht um das Thema Meetings. Es ist doch eher davon auszugehen, dass sich die Teilnehmenden in der Regel nicht gegenseitig „schmeckend“ begegnen.

Reichen zwei Sinne nicht völlig aus?

Nun mögen sie einwenden, dass dieser kleine Ausflug in unsere Entwicklungsgeschichte zwar ganz interessant aber doch nicht relevant sei. Schließlich agieren wir als Erwachsene in einer aufgeklärten Welt. Und da genügten die beiden Fernsinne Sehen und Hören doch absolut. Wie oberflächlich diese Betrachtung für Entscheidungen in Unternehmen ist, zeigt Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin in seinem Buch „Bauchentscheidungen“ auf. Demnach sind die Hälfte dieser Entschei-dungen reine Bauchentscheidungen. Also Entscheidungen, die von Intuitionen, von „gefühltem Wissen“ getragen werden. Für den Bauch aber brauchen wir alle Sinne!

Riechen und Tasten – eine wahre Offenbarung!

Jede Person, die sich schon mal unsterblich verliebt hat, weiß um die Bedeutung des Geruchs des geliebten Menschen. Man kann gar nicht genug davon bekommen. Umgekehrt aber gilt das genauso. Diese Erfahrung machen wir auch bei einem Präsenz-Meeting. Menschen, die uns angenehm sind, weil wir sie riechen können. Oder eben Menschen, die wir meiden, weil wir ihre Ausdünstungen nicht ertragen. Extrem wichtige Botschaften für uns, die im virtuellen Meeting komplett wegfallen.

Der Tastsinn hat es nicht weniger in sich als der Geruchssinn. Schon der Handschlag zu Beginn eines Präsenzmeetings verrät mehr über einen Menschen als tausend Worte. Da ist der Typ Mensch, dessen Handschlag sich anfühlt, als würde man eine Leiche begrüßen. Kein Zupacken, keine Entschlossenheit, kein Vorangehen. Und dann gibt es auf der anderen Seite die Kraftprotze, die den Handschlag verwechseln mit dem Griff an die Langhantel. Ringträger können ein Lied davon singen, wie es sich anfühlt, wenn sich das Metall ins Fleisch bohrt. Oft gehen diese Kraftmeier geschäftliche Ziele ähnlich grobklotzig an wie ihre sportlichen.

Online, bis uns Sehen und Hören vergeht!

Nun könnte man einwenden, dass die beiden Fernsinne Sehen und Hören aber doch zumindest die wichtigsten seien. Nur: Auch Sehen und Hören sind im Netz nicht dasselbe wie in Präsenz. Wer regelmäßig in Webmeetings unterwegs ist, weiß, wie labil die Verbindungen sein können. Und dann quäkt, piept und knarzt es im Audiogebälk, dass man sich nicht sicher ist, ob das Gegenüber ein Alien oder Mensch aus Fleisch und Blut ist. Schwierige Raumverhältnisse mit Hall-, Echo- und anderen Zerreffekten kommen noch dazu.

Ähnliches spielt sich bei der Bildqualität ab. Schlechte Verbindungen, unzureichende Kenntnisse der Teilnehmenden über Licht, Bildausschnitt, Sitzposition etc. lassen manches Meeting zur Farce werden. Dazu bekommen wir online nur eine zwei-dimensionale Darstellung des Gegenübers geboten. Keine räumliche Einordnung der Person, Größe und Masse sind nicht einzuschätzen. Sitzt da ein Riese mit 2,15 Meter vor mir oder ein klein gewachsener Mensch von 1,50 Meter? Was ist mit der Proxemik, dem Raum- und Distanzverhalten der Person? Ist es eine, die aktiv nach vorne geht oder eher eine, die sich gerne versteckt und abtaucht in der Tiefe des Raumes?

So lautet das Fazit:

Die finanziellen, räumlichen und zeitlichen Vorteile virtueller Meetings liegen auf der Hand. Deswegen haben sie Zukunft, keine Frage. Vor allem dort, wo es nur um Wissensaustausch- und Vermittlung geht. Ersetzen werden sie Präsenz jedoch nicht. Die Zukunft ist hybrid. Nur wenn ich meine Partner schon mal gefühlt, gerochen, gehört, gesehen und eben „erlebt“ habe, bin ich bereit, mit ihnen virtuell zu kommunizieren. Ganz einfach deswegen, weil sie mir bereits vertraut sind. Vertraut hat mit Vertrauen zu tun. Und das geht über meinen Bauch, nicht über die Kacheln am Display! Es ist eben wie mit den Geschäften, die nicht in Konferenzen und Meetings gemacht werden. Sie werden abends an der Hotelbar gemacht. Denn dort stellt sich heraus, ob die „Chemie stimmt“ zwischen den Partnern.

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