Dr. Sascha Ott

Intelligent ist, was der Rechner nicht kann

Dr. Sascha Ott. Foto: 5 Sterne Redner
Um das seit Jahrzehnten strapazierte Schlagwort der „Künstlichen Intelligenz“ gibt es im Moment wieder einmal viel Euphorie — aber mindestens ebenso viele Missverständnisse und Ängste. 5 Sterne Redner Dr. Sascha Ott klärt auf.

Im Frühjahr 2019 hat der Digitalverband Bitkom Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern gefragt, ob sie in ihrem Betrieb „Künstliche Intelligenz“ einsetzen. Das Ergebnis: Für ganze 86 Prozent aller Firmen war KI kein Thema. Warum diese Zurückhaltung? Vielleicht, weil den meisten die Möglichkeiten fortgeschrittener Rechner- und Softwaresysteme auch für kleinere Unternehmen nicht klar sind. Zu viele übertriebene Ängste aber auch unhaltbare Heilsversprechen bestimmen die Diskussion rund um die sogenannte „Künstliche Intelligenz“.

Die Geschichte der Missverständnisse beginnt schon bei der Taufe vor mehr als sechzig Jahren. Als sich der US-amerikanische Computerwissenschaftler John McCarthy im Sommer 1956 für ein paar Wochen am Dartmouth College mit einigen Kollegen zum Gedankenaustausch über die Perspektiven der Rechnertechnik zusammensetzte, nannte er das ganze „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“. Seitdem wird jeder Fortschritt in diesem Bereich vom teils hoffnungsfrohen, teils angsterfüllten Raunen über die heranwachsende maschinelle „Intelligenz“ begleitet.

Die Angst vor der „intelligenten“ Maschine

Das vermeintliche Zauberwort von der „Künstlichen Intelligenz“ steht seit jeher einem entspannten Umgang mit den technischen Entwicklungen im Wege. Denn damit ist unweigerlich eine Art menschlicher Kränkung verbunden, weil wir wahrhaft intelligentes Handeln letztlich nur uns Menschen zutrauen. So erklärt sich auch unsere etwas paradoxe Neigung, komplexen Leistungen immer gerade dann ihren Status als „intelligent“ abzusprechen, wenn sie von einem Computer vollbracht werden. Bis in die 90er Jahre hätte man für geniales Schachspiel ein hohes Maß an Intelligenz vorausgesetzt. Seit „Deep Blue“ 1996 den Weltmeister Garri Kasparow geschlagen hat, wird gerne darauf verwiesen, dass das Programm ja „nur“ 100 Millionen Stellungen in der Sekunde durchrechnen müsse. Schnell ja — aber intelligent? Um unsere Alleinstellung in diesem Bereich zu untermauern, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten das Konzept der „Intelligenz“ um immer neue Facetten erweitert: um die emotionale, soziale, körperliche Intelligenz. Unerreichbar für einen Rechner. Allein: Was hat es uns genützt?

Raus aus der Schmollecke!

Wir müssen uns davon lösen, ständig beleidigt an den Schwächen leistungsfähiger Algorithmen herumzumäkeln und darauf zu beharren, dass ein Mensch diese oder jene Leistung viel - nun ja - „menschlicher“ vollbringen könnte. Raus aus der „Krone der Schöpfung“-Schmollecke, rein in die praktische Nutzung! Glauben wir wirklich ein menschlicher Personaler kommt nach Sichtung hunderter Bewerbungen zu einem faireren Ergebnis als ein komplexer Algorithmus? Wollen wir die Datenfluten unserer MRT-Untersuchung allein einem gestressten Radiologen überlassen? Und beschleicht uns nicht bei jeder Autofahrt das Gefühl, dass es auf unseren Straßen sicherer und vernünftiger zugehen würde, wenn die Fahrzeuge von Computern gesteuert würden?

Der Rechner ist nicht perfekt. Der Mensch aber auch nicht.

Natürlich gibt es bei all diesen Anwendungen immer weiter Verbesserungsbedarf. Wenn sich die Bewerbermanagementsoftware als sexistisch oder rassistisch erweist, muss sie ebenso überarbeitet werden, wie die Pkw-Steuerung, die eine weiße Lkw-Plane übersieht. Aber das Entscheidende ist, dass wir von einem Algorithmus nicht eine Perfektion erwarten können, die ein mit der gleichen Aufgabe betrauter Mensch nie zu erreichen in der Lage wäre. Und auch wenn die Allgegenwärtigkeit der algorithmengesteuerten Nutzeranalyse mitunter beängstigende Züge annimmt, sind die Ergebnisse oft genauer betrachtet zu unserem Nutzen. Die maßgeschneiderte Werbung in der Suchmaschine kündet natürlich davon, dass alle meine Suchanfragen sorgsam analysiert werden. Aber ist es mir lieber, mit Werbung für Produkte zugeschüttet zu werden, die mich überhaupt nicht interessieren?

KI bietet auch Chancen für den Mittelstand

Also überlassen Sie die vielfältigen Möglichkeiten von „Big Data“ und „Deep Learning“ nicht den Internetkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook. Auch im Mittelstand gibt es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, sich Algorithmen und Netzwerke für den geschäftlichen Erfolg zunutze zu machen:

· Nutzen Sie die im Unternehmen vorhandene Datenbasis effizient. Viele Firmen unterschätzen, welcher Datenschatz in ihren Rechnern schlummert.

· Optimieren Sie Distribution und Logistik durch selbstlernende Systeme, die wiederkehrende Muster erkennen.

· Sorgen Sie dafür, dass ihre Kunden individuell maßgeschneiderte Angebote und Informationen bekommen.

· Reagieren Sie schnell und automatisch auf Posts oder Diskussionen in sozialen Netzwerken, die Ihre Produkte betreffen.

· Binden Sie Interessenten auf Ihrer Website durch die direkte Ansprache über einen Chatbot.

Also: Ran an die neue Technik! Denken Sie daran: Seit der Erfindung der Eisenbahn ist noch keine bahnbrechende neue Technologie eingeführt worden, ohne dass über den drohenden Untergang der Menschheit lamentiert worden wäre. Gewöhnen wir uns einfach daran: Intelligent muss die Maschine nicht sein — helfen kann sie uns trotzdem.

Dr. Sascha Ott

Physiker und Comedian? Fundierte Wissenschaft und mitreißende Action? Der diplomierte Physiker und promovierte Wissensschaftsjournalist Dr. Sascha Ott beweist in seinen Vorträgen als 5 Sterne Redner, wie kein anderer, dass Wissen und Humor keine Gegensätze sein müssen. Seit mehr als 15 Jahren berichtet er über aktuelle Entwicklungen aus der Wissenschaft im Hörfunk von WDR und DLF. Fast ebenso lange schon begeistert er mit seinen rasanten Experimentalvorträgen das Publikum im In- und Ausland.

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Dr. Sascha Ott

Intelligent ist, was der Rechner nicht kann

Dr. Sascha Ott. Foto: 5 Sterne Redner
Um das seit Jahrzehnten strapazierte Schlagwort der „Künstlichen Intelligenz“ gibt es im Moment wieder einmal viel Euphorie — aber mindestens ebenso viele Missverständnisse und Ängste. 5 Sterne Redner Dr. Sascha Ott klärt auf.

Im Frühjahr 2019 hat der Digitalverband Bitkom Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern gefragt, ob sie in ihrem Betrieb „Künstliche Intelligenz“ einsetzen. Das Ergebnis: Für ganze 86 Prozent aller Firmen war KI kein Thema. Warum diese Zurückhaltung? Vielleicht, weil den meisten die Möglichkeiten fortgeschrittener Rechner- und Softwaresysteme auch für kleinere Unternehmen nicht klar sind. Zu viele übertriebene Ängste aber auch unhaltbare Heilsversprechen bestimmen die Diskussion rund um die sogenannte „Künstliche Intelligenz“.

Die Geschichte der Missverständnisse beginnt schon bei der Taufe vor mehr als sechzig Jahren. Als sich der US-amerikanische Computerwissenschaftler John McCarthy im Sommer 1956 für ein paar Wochen am Dartmouth College mit einigen Kollegen zum Gedankenaustausch über die Perspektiven der Rechnertechnik zusammensetzte, nannte er das ganze „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“. Seitdem wird jeder Fortschritt in diesem Bereich vom teils hoffnungsfrohen, teils angsterfüllten Raunen über die heranwachsende maschinelle „Intelligenz“ begleitet.

Die Angst vor der „intelligenten“ Maschine

Das vermeintliche Zauberwort von der „Künstlichen Intelligenz“ steht seit jeher einem entspannten Umgang mit den technischen Entwicklungen im Wege. Denn damit ist unweigerlich eine Art menschlicher Kränkung verbunden, weil wir wahrhaft intelligentes Handeln letztlich nur uns Menschen zutrauen. So erklärt sich auch unsere etwas paradoxe Neigung, komplexen Leistungen immer gerade dann ihren Status als „intelligent“ abzusprechen, wenn sie von einem Computer vollbracht werden. Bis in die 90er Jahre hätte man für geniales Schachspiel ein hohes Maß an Intelligenz vorausgesetzt. Seit „Deep Blue“ 1996 den Weltmeister Garri Kasparow geschlagen hat, wird gerne darauf verwiesen, dass das Programm ja „nur“ 100 Millionen Stellungen in der Sekunde durchrechnen müsse. Schnell ja — aber intelligent? Um unsere Alleinstellung in diesem Bereich zu untermauern, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten das Konzept der „Intelligenz“ um immer neue Facetten erweitert: um die emotionale, soziale, körperliche Intelligenz. Unerreichbar für einen Rechner. Allein: Was hat es uns genützt?

Raus aus der Schmollecke!

Wir müssen uns davon lösen, ständig beleidigt an den Schwächen leistungsfähiger Algorithmen herumzumäkeln und darauf zu beharren, dass ein Mensch diese oder jene Leistung viel - nun ja - „menschlicher“ vollbringen könnte. Raus aus der „Krone der Schöpfung“-Schmollecke, rein in die praktische Nutzung! Glauben wir wirklich ein menschlicher Personaler kommt nach Sichtung hunderter Bewerbungen zu einem faireren Ergebnis als ein komplexer Algorithmus? Wollen wir die Datenfluten unserer MRT-Untersuchung allein einem gestressten Radiologen überlassen? Und beschleicht uns nicht bei jeder Autofahrt das Gefühl, dass es auf unseren Straßen sicherer und vernünftiger zugehen würde, wenn die Fahrzeuge von Computern gesteuert würden?

Der Rechner ist nicht perfekt. Der Mensch aber auch nicht.

Natürlich gibt es bei all diesen Anwendungen immer weiter Verbesserungsbedarf. Wenn sich die Bewerbermanagementsoftware als sexistisch oder rassistisch erweist, muss sie ebenso überarbeitet werden, wie die Pkw-Steuerung, die eine weiße Lkw-Plane übersieht. Aber das Entscheidende ist, dass wir von einem Algorithmus nicht eine Perfektion erwarten können, die ein mit der gleichen Aufgabe betrauter Mensch nie zu erreichen in der Lage wäre. Und auch wenn die Allgegenwärtigkeit der algorithmengesteuerten Nutzeranalyse mitunter beängstigende Züge annimmt, sind die Ergebnisse oft genauer betrachtet zu unserem Nutzen. Die maßgeschneiderte Werbung in der Suchmaschine kündet natürlich davon, dass alle meine Suchanfragen sorgsam analysiert werden. Aber ist es mir lieber, mit Werbung für Produkte zugeschüttet zu werden, die mich überhaupt nicht interessieren?

KI bietet auch Chancen für den Mittelstand

Also überlassen Sie die vielfältigen Möglichkeiten von „Big Data“ und „Deep Learning“ nicht den Internetkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook. Auch im Mittelstand gibt es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, sich Algorithmen und Netzwerke für den geschäftlichen Erfolg zunutze zu machen:

· Nutzen Sie die im Unternehmen vorhandene Datenbasis effizient. Viele Firmen unterschätzen, welcher Datenschatz in ihren Rechnern schlummert.

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· Sorgen Sie dafür, dass ihre Kunden individuell maßgeschneiderte Angebote und Informationen bekommen.

· Reagieren Sie schnell und automatisch auf Posts oder Diskussionen in sozialen Netzwerken, die Ihre Produkte betreffen.

· Binden Sie Interessenten auf Ihrer Website durch die direkte Ansprache über einen Chatbot.

Also: Ran an die neue Technik! Denken Sie daran: Seit der Erfindung der Eisenbahn ist noch keine bahnbrechende neue Technologie eingeführt worden, ohne dass über den drohenden Untergang der Menschheit lamentiert worden wäre. Gewöhnen wir uns einfach daran: Intelligent muss die Maschine nicht sein — helfen kann sie uns trotzdem.

Dr. Sascha Ott

Physiker und Comedian? Fundierte Wissenschaft und mitreißende Action? Der diplomierte Physiker und promovierte Wissensschaftsjournalist Dr. Sascha Ott beweist in seinen Vorträgen als 5 Sterne Redner, wie kein anderer, dass Wissen und Humor keine Gegensätze sein müssen. Seit mehr als 15 Jahren berichtet er über aktuelle Entwicklungen aus der Wissenschaft im Hörfunk von WDR und DLF. Fast ebenso lange schon begeistert er mit seinen rasanten Experimentalvorträgen das Publikum im In- und Ausland.

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