Gerhard Herb

Die Zukunft der Führungskräfte-Entwicklung – digital und analog

Gerhard Herb, Geschäftsführer im Management Centrum Schloss Lautrach. Foto: Orla Connolly
In der Führungskräfteentwicklung beobachten wir heute zwei Tendenzen, die sich gegenseitig ergänzen. Digitale Lernformen und analoge Präsenzseminare haben unterschiedliche Ziele im Blick und können im Zusammenspiel zukunftsweisende Kompetenzen vermitteln.

Herausforderungen in der Führungskräfteentwicklung

Die Qualifizierung von Führungskräften sieht sich heute mehreren Herausforderungen gegenüber. Erstens sind Unternehmen, getrieben von Digitalisierungsprozessen, dabei, ihre Aufbauorganisationen zu überdenken. Das Ergebnis sind entweder netzwerkartigen Gebilde, die auf Selbstorganisation und Eigenverantwortung bauen oder das Nebeneinanderstellen von verschiedenen organisationalen Formen mit höchst unterschiedlichen Anforderungen an die Beteiligten. Zweitens sind Organisationen heute gezwungen, sich immer schneller auf Umfeldveränderungen einzustellen, quasi eine kontinuierliche Selbsterneuerung zu betreiben (Stichwort: Agilität). Drittens ändern sich die Erwartungen der Mitarbeiter, vor allem junger Talente, an die Art und Weise wie sie geführt werden möchten. 

All diese Entwicklungen haben natürlich beträchtliche Auswirkungen auf die Führungsarbeit. Sie stellen das Konzept der hierarchischen Führung infrage und es ändern sich die Rollen von Führung: weg vom Steuern hin zum Ermächtigen, Begleiten und Moderieren. 

Konsequenzen für die Führungskräfteentwicklung

In Bezug auf Qualifizierungsmaßnahmen für Führende haben diese skizzierten Entwicklungen beträchtliche Auswirkungen. Allein die Veränderungen, die im Zuge der Digitalisierung auf uns zukommen, ergeben einen hohen Bedarf an Wissen- und Kompetenzaneignung. Hier kommt dem vermehrten Einsatz digitaler Lernformate, die eine individualisierte, zeit- und ortsunabhängige Wissensanreicherung ermöglichen, große Bedeutung zu. Die Vorteile liegen auf der Hand: reduzierter Zeitbedarf, Kosteneinsparungen (z. B. Reisekosten) und individualisiertes Lernen, das schnell auf den neuesten Wissensstand gebracht werden kann. Die Nachteile erweisen sich im Bereich des fehlenden sozialen Austausches und der Eigenmotivation (Stichwort: Abbrecherquote). 

Auf der anderen Seite brauchen Führende regelmäßige Reflexionszeiten, um den eingeschwungenen „modus operandi“ zu überprüfen und den geforderten Rollenwechsel zu beleuchten. Damit bekommen analoge Präsenzseminare einen anderen Charakter, sind künftig weniger „Orte zur Aneignung von Wissen“, sondern vielmehr „Orte menschlicher Reifung“. Denn menschliche Reifungsprozesse benötigen Anstöße von außen, entstehen weitgehend im diskursiven, reflektierenden Dialog mit Gleichgesinnten. 

Hier stoßen digitale Lernformen an ihre Grenzen, können sie doch nur rudimentär Lernräumen eröffnen, in denen dialogische Selbstreflexionsprozesse stattfinden, die nötig sind, um die angesprochenen Haltungsänderungen zu initiieren. 

Reflektierende Lernräume – was heißt das?

Analoge Präsenzseminare, welche die persönliche Reifung zum Ziel haben, verlangen ein etwas anderes methodisch-didaktisches Setting. 

Es gilt die Seminartage nicht mit Inhalten zu überfrachten und die Teilnehmer zeitlich unter Druck zu setzen, sondern sich auf zwei bis drei Themen pro Tag zu konzentrieren und den Lernprozess zu verlangsamen. Dieses „entschleunigende“ Vorgehen erleichtert es den Teilnehmern, aus dem täglichen Hamsterrad auszusteigen und die Aufmerksamkeit zu halten. 

Um Menschen in eine reflektierende Haltung zu bringen, erweist sich ein anderer methodischer Schritt als hilfreich: das Verlassen des Seminarraums. Sogenannte Gedankengänge in der freien Natur öffnen einen geschützten »Raum« für vertrauliche Zwiegespräche, der Selbstreflexion sowie ein tiefgründiges Sinnieren über sich und die eigenen Lebens- und Berufsherausforderungen ermöglicht. 

Neue Einsichten bzw. alternative Sichtweisen entstehen dann, wenn in Seminarveranstaltungen statt mit vorgegebenen Wissensinhalten mit erkundenden Fragen gearbeitet wird, die es erlauben neue Räume des Denkens zu eröffnen und die Perspektive zu wechseln. 

Damit Teilnehmer sich in Seminarveranstaltungen öffnen und ihre persönlichen Anliegen einbringen, bedarf es einer Atmosphäre des Vertrauens und der Wertschätzung. Dazu tragen lebenserfahrende Trainer bei, die aufgrund ihrer menschlichen Reife in der Lage sind, andere uneingeschränkt in ihrem Sosein anzunehmen (es gibt keine schwierigen Teilnehmer), die nicht distanziert dozieren, sondern nahbar und zugewandt sind und über eigene Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns berichten anstatt das Wissen anderer weitergeben oder sich als Wahrheitsverkünder zu geben.

Entschleunigende Wirkung von Orten

Zu einer reflektierenden Seminaratmosphäre tragen auch geeignete Räumlichkeiten in nicht unerheblichem Maße bei. Persönlichkeitsbildende Seminare benötigen Orte der Ruhe, die eine entschleunigende Wirkung haben und die verschiedene Sinne anregen. Sei es durch erlebbare Kunst, durch anregendes Essen, durch inspirierende Gärten oder einfach durch eine persönliche Betreuung durch wirkliche Gastgeber.

Gerhard Herb
Geschäftsführer des Management Centrum Schloss Lautrach

Weitere Artikel zum Gleichen Thema
nach oben