Ilona Hinzmann

Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz: So reagieren Führungskräfte richtig

Ilona Hinzmann, Coach, Mediatorin, Familientherapeutin, Suchtberaterin. Foto: Nikolas Luis Anton Hagele
Alkohol und Arbeit passen genauso wenig zusammen wie Alkohol und Autofahren. Das Thema „Alkohol am Arbeitsplatz“ und die damit verbundenen Gefahren und Folgen werden viel zu oft unterschätzt. Suchtberaterin Ilona Hinzmann zeigt auf, wie Führungskräfte Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz erkennen und richtig handeln.

Allein in Deutschland sind rund 6% aller Arbeitnehmer alkoholkrank. 15 bis 30% aller Arbeitsunfälle ereignen sich unter Alkoholeinfluss. Dagegen unternommen wird allerdings selten etwas. Ganz im Gegenteil: Oft genug wird das Problem noch verharmlost. Dabei verursacht Alkoholmissbrauch Unternehmen jedes Jahr Kosten von über 24 Milliarden Euro. Unternehmen und Führungskräfte tun also gut daran, aktiv zu werden.

1. Betriebliche Folgen und Kosten

Die betrieblichen Folgen von Alkoholkonsum sind enorm. Das Unfallrisiko ist z.B. bei 0,3 Promille 2fach, bei 0,6 3fach, bei 0,8 4,5fach und bei 1,5 Promille bereits um das 16fache erhöht. Alkoholkranke Mitarbeiter sind öfter krank und haben im Schnitt eine Minderleistung von 75%. Dritte werden durch Unfälle gefährdet und auch deren Produktivität sinkt. Das Betriebsklima verschlechtert sich, was wiederum ebenfalls zu Produktivitätsverlusten und auch Demotivation führt.

Betriebliche Folgekosten können ganz leicht mit der Stanford-Formel berechnet werden:

Beispiel: 

  • Unternehmen mit 1000 MA
    Durchschnittliches Bruttomonatsgehalt: 3700 Euro
  • ca. 6% der MA alkoholabhängig

PK (Personalkosten) = 60 (6% d. MA) x 3700 x 12 (Monate) x 1,5 (PK-Faktor) = 3,996 Mio. Euro

Betriebsverlust (25% / ergibt sich aus 75% Minderleistung) = 3,996 x 0,25 = 999000 Euro jährlich!

2. Unternehmen sind gefordert

Vorgesetzte wissen oft nicht, wie sie mit der Alkoholsucht ihres Mitarbeiters umgehen sollen. Dabei ist der Arbeitgeber im Rahmen seiner Fürsorgepflicht (§618 BGB) dazu angehalten, sich diesem heiklen Thema zu stellen und er muss alkoholisierte Mitarbeiter am Weiterarbeiten hindern. Die DGUV-Vorschrift 1 (BGV A1) §17 Abs. 2 besagt: „Der Unternehmer darf Versicherte, die erkennbar nicht in der Lage sind, eine Arbeit ohne Gefahr für sich oder andere auszuführen, mit dieser Arbeit nicht beschäftigen.“ Dies gilt auch für alkoholbedingte Leistungsabfälle. Ein durch Alkohol verursachter Betriebsunfall kann schwere Konsequenzen für den Arbeitgeber nach sich ziehen.

Viele Vorgesetzte kennen ihre „Pappenheimer“ oder vermuten etwas, sehen aber meist über das Problem Alkohol hinweg. Schließlich sprechen im ersten Moment oft mehr Gründe dafür, nichts zu tun, als zu handeln. Aussagen wie „Der Mitarbeiter hat wichtige Fachkenntnisse und ist unentbehrlich“ oder „Was geht mich das an“ wie auch „Er tut ja niemandem etwas zuleide“ verleiten dazu, nicht zu handeln. Dabei wird aber übersehen, dass der alkoholkranke Mitarbeiter das gesamte Team unter anderem durch Fehlzeiten, eine hohe Fehlerquote, Produktivitätsverluste und auch emotional belastet. Vorgesetzte sind mit so einer Situation oft auch schlichtweg überfordert. Und um nichts falschzumachen oder Mitarbeiter grundlos des Alkoholmissbrauchs zu verdächtigen, wird lieber gar nichts unternommen. Externe Suchtberater können hier als neutrale Unbeteiligte unterstützen und das Thema mit der notwendigen Sensibilität und Know-How angehen, beraten und Ansprechpartner für alkoholkranke Mitarbeiter, z.B. bzgl. Therapiemöglichkeiten, sein. 

3. Prävention, Suchtleitfaden und Betriebsvereinbarung

Bereits im Vorfeld sollten sich Unternehmen darum bemühen, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Prävention ist das A und O, um zu verhindern, dass Arbeitnehmer alkoholisiert am Arbeitsplatz erscheinen bzw. dort Alkohol zu sich nehmen und die Zahl der Alkoholerkrankungen im Betrieb zu minimieren.  Zu präventiven Maßnahmen gehören zum Beispiel Aufklärung und Sensibilisierung von Mitarbeitern und Vorgesetzten, Seminare, spezielle Suchtseminare für Azubis, eine gesunde Gestaltung von Arbeitsbedingungen, Work-Life-Balance-Konzepte, Regelungen zum Suchtmittelkonsum, Suchtleitfaden, Schulungen für Führungskräfte, Stufenpläne zum Umgang mit alkoholauffälligen Mitarbeitern, Maßnahmen für ein betriebliches Alkoholverbot und Betriebsvereinbarungen. Auch hier kann eine externe Suchtberatung erhebliche Hilfestellung geben, beraten und unterstützen oder auch, wenn nötig, in Gesprächen mit dem Betriebsrat vermitteln.

4. Intervention

Neben der Prävention ist die Intervention die wichtigste Arbeit eines Suchtberaters. Für das Unternehmen ist das schnelle Einbinden eines Suchtberaters wichtig, denn die konsequente Frühintervention mit süchtigen Mitarbeitern macht in vielerlei Hinsicht Sinn. Suchtberater erleichtern es den Vorgesetzten, konsequent und frühzeitig zu handeln und verringern die Gefahr von Co-abhängigem Verhalten. Der alkoholkranke Mitarbeiter kann nach einem Gespräch sein Fehlverhalten ohne Gesichtsverlust korrigieren. Ein Suchtberater erspart dem Betroffenen oft eine lange Suchtkarriere. Und zu guter Letzt spart ein Suchtberater dem Unternehmen viel Geld.

Fazit: Jeder Arbeitgeber hat seinen Mitarbeitern gegenüber eine Fürsorgepflicht, die er gesetzlich einhalten muss, auch beim Thema Alkohol am Arbeitsplatz. Doch gerade hier wird oft weggeschaut. Eine gute Lösung ist in dieser heiklen Situation ein externer Suchtberater, der mit Kompetenz und Sensibilität das Thema gemeinsam mit Führungskräften und Betroffenen aufarbeitet. Unnötige Kündigungen und Arbeitsunfälle werden so vermieden, Führungskräfte treten kompetent vor dem Team auf und Betroffene haben die Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren.

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