Wein & Genuss: Beitrag von Björn Kühnel

2015 – ein Jahrundert-Jahrgang für die Weinbranche?

Symbolbild. Foto: Lichtmeister Photography Productions e.U. / iStock / thinkstock

Zurzeit ist in der Fachpresse viel zu lesen, welch sensationeller Jahrgang 2015 für die gesamte Weinbranche sei. Ist dem tatsächlich so? Und wenn ja, warum? Unser Gastautor und Wein-Experte Björn Kühnel geht diesen Fragen auf den Grund.

Das Frühjahr hatte für die erste Vegetationsphase genügend Niederschläge, der Sommer war durchgehend warm, in manchen Regionen fast zu heiß und vor allem zu trocken. Aber auch da hat es dann wieder rechtzeitig geregnet, um Schaden von den Trauben abzuwenden. Der Herbst, bzw. Spätsommer hat die richtige Mischung aus Feuchtigkeit, Wärme und Sonne, so dass die Trauben kurz vor der Ernte nochmals kräftig an Zucker zulegen konnten. Wer als Winzer über das ganze Weinjahr seine Hausaufgaben im Weinberg erledigt hatte, wurde mit sehr gutem und gesundem Traubenmaterial in allen Qualitätsstufen belohnt.

Wein-Experte Björn Kühnel warnt: „Verallgemeinerungen sind mit Vorsicht zu genießen!“

Insofern hatten die Winzer ausnahmsweise mal nichts zu klagen, die Erntemengen waren ausreichend und viel versprechend. Und wie schon gesagt, generell ist das Meiste, was ich bis dato im Glas an 2015er Weinen hatte, auch wirklich sehr gut bis hervorragend. Allerdings sind Verallgemeinerungen auch immer mit Vorsicht zu genießen. Sicherlich gab es lange schon keinen so guten Jahrgang, der sich auch noch fast flächendeckend über ganz Europa ausgedehnt hat. Und trotzdem wird dem Einen oder Anderen „sein“ Wein nicht so gut schmecken, wie eventuell die Vorgängerjahrgänge.

So wirkt sich Zucker auf Weine aus

Denn viel Zucker in den Trauben bedeutet bei trockenen Weinen natürlich auch mehr Alkohol. Mehr Wärme, explizit auch nachts, bedeutet eben auch niedrigere Säurewerte. Der frisch fruchtige, komplett trockene Qualitäts-Lugana, mit schöner Säure als Rückgrat, bei 12% Alkohol dürfte aus 2015 schwer zu finden sein.

Andererseits ist Alkohol natürlich Geschmacksträger, bzw. lassen gute Kellermeister dann halt in solchen Jahren etwas mehr Restzucker im Wein, was manchen Weißweinen oder Rosé´s nicht schlecht steht. Und das ist eigentlich überhaupt der entscheidende Faktor: Winzer-Glaube geht vor Jahrgangsglauben! Will heißen: Haben sie einen Winzer gefunden, der die Weine so erzeugt, dass sie ihnen besonders gut schmecken, werden sie zwar Jahrgangsunterschiede feststellen, aber auch in schlechteren Jahren wird er seine „Handwerkskunst“ beherrschen und gute Weine produzieren.

Prognose: Das erwartet Rotwein-Freunde

Grundlegend ist zu sagen, dass gerade Deutschland und aber vor allem Österreich (von dort habe ich eigentlich nur tolle 2015er verkostet, im Gegensatz zu den eher schwachen 2014er) sehr von diesem heißen Jahr profitiert haben. Dies gilt hauptsächlich natürlich für die jetzt schon gefüllten Weiß- und Roséweine. Die gewöhnlich etwas länger ausgebauten und damit eben auch später auf dem Markt erscheinenden Roten werden sicherlich durchwegs sehr gute Qualitäten zeigen. Hier spielt die Säure als Stabilisator oder „Interessant-Macher“ für den Wein keine so große Rolle, dies übernehmen die Gerbstoffe, die in solchen Jahren auch besser ausrteifen, und der etwas höhere Alkohol ist auch kein Problem.

Hiervon werden sicherlich Rotweine, die in schlechteren Jahren etwas zu säurebetont erscheinen, am meisten profitieren. Gerade z.B. Weine aus der Toskana, die überwiegend Sangiovese als Traube enthalten, kommen als 2015er deutlich saftiger und runder ins Glas. Aber auch Zweigelt, Spätburgunder oder Syrah wird sich charmanter als in manch anderen Jahren zeigen. Weine auf Cabernet-Basis sind molliger und nicht so astringent , Merlot zeigt sich fruchtiger und tiefer. Tempranillo mächtig, intensiv und von hoher Haltbarkeit.

Ob es tatsächlich ein Jahrhundert-Jahrgang ist, wird sich zeigen, ein sehr gutes Jahr war es auf alle Fälle.

Freuen Sie sich also auf jede Menge Trinkvergnügen mit dem tollen Jahrgang 2105!

Ihr Björn Kühnel

 

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