Gast der Redaktion

„Kann Schwaben die Energiewende schaffen, Norbert Schürmann?“

LEW-Vorstandsmitglied Norbert Schürmann zu Gast in unserer Redaktion. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Wie kann die Energiewende auf die Straße gebracht werden? Was braucht es dafür zuerst, mehr E-Autos oder mehr Ladesäulen? Und wie „klimafit“ ist Schwaben eigentlich? Das verrät Norbert Schürmann, Vorstand der Lechwerke AG, im Gespräch mit unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Die Bundesregierung will den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 80 Prozent reduzieren. Herr Schürmann, wie realistisch ist dieses Ziel?

Norbert Schürmann: Das geht nur, wenn man gemeinsam anpackt und gemeinsame Zielvorstellungen hat. In Bayerisch-Schwaben haben wir schon viel erreicht: Schon heute ist eine Vielzahl erneuerbarer Energiequellen an das Verteilnetz angeschlossen, über 70.000 Photovoltaikanlagen sind es alleine im LEW-Netz. Damit wird aber auch dessen besondere Rolle deutlich: Wir brauchen leistungsstarke Netze als eine wichtige Voraussetzung, um die Klimaziele zu erreichen. Wichtig ist außerdem, Grünstrom einzusetzen – und zwar in allen drei Bereichen Strom, Wärme und Verkehr.

Sie sind also optimistisch – trotz vieler Negativ-Schlagzeilen. Warum?

Ich bin optimistisch, weil wir wirklich auf einem guten Weg sind. Bayerisch-Schwaben ist Vorreiter: 60 Prozent des hier genutzten Stroms stammen rechnerisch  aus erneuerbaren Energien. Eine wichtige Säule ist dabei seit über 115 Jahren die Wasserkraft. Sie hat nicht nur die Region, sondern insbesondere auch LEW als Unternehmen sehr stark geprägt und ist ein gutes Beispiel für Grünstrom.

Erste Meilensteine sind also bereits geschafft. Nun wollen wir auch in anderen Bereichen wie der Elektromobilität unsere Vorreiterrolle ausbauen. 150 Ladepunkte haben die Lechwerke dazu bereits aufgebaut, darunter sowohl Wechselstrom- als auch Gleichstrom-Schnellladesäulen. Im Jahr 2018 wollen wir diese Anzahl nahezu verdoppeln. Diese Infrastruktur in der Region zu errichten, ist eine wichtige Voraussetzung, um die Energiewende auf die Straße zu bringen.

Wie können Unternehmen, aber auch Haushalte und Kommunen ihren Beitrag leisten?

Hier ist die Energieeffizienz sehr wichtig. Als Lechwerke wollen wir sowohl Unternehmen als auch Kommunen und Kunden insbesondere bei dezentralen Lösungen unterstützen. Diese gewinnen zunehmend an Bedeutung: Unser Kunde will sein Unternehmen, sein Eigenheim mithilfe intelligenter Lösungen energetisch optimieren.

Welche Musterbeispiele aus der Wirtschaft können Sie uns nennen?

Wir analysieren für verschiedenste Unternehmen und Kommunen Möglichkeiten, Energie einzusparen und effizient zu nutzen. Diese Lösungen sind beispielsweise auch in unserem Technologiezentrum in Königsbrunn zu sehen. Zudem haben wir ein sogenanntes Energieeffizienznetzwerk aufgebaut, in dem sich Unternehmen miteinander vergleichen und untereinander austauschen können. Mit SGL haben wir in einem Forschungsprojekt untersucht, wie eine flexible Produktion dabei hilft, das Stromnetz stabil zu halten. Weitere Beispiele aus der Region sind das Therapiezentrum Ziegelhof, das neue Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins oder die WWK Arena: Bei all diesen Projekten steht die CO2-neutrale Energieversorgung im Fokus.

Was sind die Hürden für eine erfolgreiche Energiewende?

Das Rückgrat der gesamten Energiewende ist das Netz. Deshalb ist es erforderlich, dieses weiter auszubauen und zu modernisieren. Bis zum Jahr 2019 wollen wir hier 250 Millionen Euro investieren. Das ist die Basis.

Eine große Hürde ist jedoch noch immer, dass gerade der Strom sehr hoch mit Steuern und Umlagen belastet ist. 2017 bezahlen die Haushalte mit ihrer Stromrechnung insgesamt mehr als 35 Milliarden Euro für Steuern, Abgaben und Umlagen. Hier gibt es eine Ungleichbehandlung zu den fossilen Brennstoffen. So sind Gas und Heizöl niedriger mit Steuern und Umlagen belastet als beispielsweise die umweltfreundliche Wärmepumpe. Hier brauchen wir Chancengleichheit und deshalb muss die Umwälzung der Kosten auf die Bürger angepasst werden. Denn auch wenn wir bereits auf einem guten Weg sind, die Stromwende umzusetzen: Das alleine reicht nicht. Wichtig ist, die Sektoren Strom, Verkehr und Wärmeversorgung miteinander zu verknüpfen und alle drei mit Grünstrom zu versorgen.

Was muss passieren, damit sich dieses Konzept weiter durchsetzt?

Dafür ist es wichtig, verschiedenste Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien weiter voranzutreiben. Auch Speichermodule müssen weiterentwickelt werden. Damit das funktioniert, müssen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit – also Netzstabilität – und die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Letztere müssen eine Stabilität gewährleisten, die Unternehmen und Kommunen über Dekaden Planungssicherheit gibt.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der nicht vergessen werden darf: Die Bedürfnisse der Kunden ändern sich. Sicherheit, Komfort und das eigene Energie-Management rücken in den Vordergrund. Das setzt eine dezentrale Energielandschaft voraus, die der Kunde selbst steuern kann. Smart Home ist hier ein gutes Beispiel. Deshalb ist die Digitalisierung ein ganz wichtiger Baustein. Sie ermöglicht es uns, die Vielzahl erneuerbarer Energiequellen zu steuern, unsere internen Prozesse zu optimieren und den Kunden auf einem Weg mitzunehmen, den er maßgeblich aktiv mitgestaltet.

Wie sieht Ihr persönliches Bild der Energiezukunft aus?

Grün, digital, dezentral und elektrisch. Das prägt unsere Region schon heute. Deutschland ist ein Standort, der über ein enormes Know-how verfügt und es ist ein klarer, weiterer Fortschritt der Technologien zu erwarten. Meine Botschaft an die Region lautet daher: Lassen Sie uns gemeinsam weiterhin mutig die Energiewende in Bayerisch-Schwaben umsetzen.

LEW-Vorstandsmitglied Norbert Schürmann zusammen mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN LEW-Vorstandsmitglied Norbert Schürmann zusammen mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Isabell Walter/ B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Weitere Artikel zum Gleichen Thema
nach oben