Gast der Redaktion: Markus Rundt, DECURA

Interview: „Im Moment erleben wir die Ruhe vor dem Sturm“

Markus Rundt, Geschäftsführer DECURA. Foto: Rebecca Weingarten / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Der wachsende Innovations-Druck betrifft zunehmend auch schwäbische Unternehmen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Markus Rundt, Geschäftsführer DECURA, welche Alternativen zum „knallharten Einkaufs-Wettbewerb“ er Mittelständlern empfiehlt.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Rundt, dass gebündeltes Know-how Unternehmen im Wettbewerb stärkt, gilt inzwischen als Konsens. Wie geht der schwäbische Mittelstand damit um?

Markus Rundt: Da kommt es sicher auf die Branche an. Es gibt Unternehmen, für die ist das Netzwerken entscheidend. Andere stehen unter einem hohen Innovations-Druck. Dass wirklich gemeinsame, innovative Projekte entstehen, ist ein Prozess. Dieser muss auch aktiv gesteuert werden. Das passiert derzeit beispielsweise im Technologiezentrum Augsburg.

Wie genau entstehen Innovationen denn?

Innovativ zu sein, ist immer auch mit einem hohen Risiko verbunden. Dafür ist es wichtig, eine stabile Absprung-Basis zu haben. Wenn diese fehlt, scheitern viele Unternehmen. DECURA definiert als Grundlage für diese Basis vier Säulen. Die erste ist die Innovation selber. Die zweite Säule ist der Faktor Mensch. Dazu gehören zum Beispiel Mitarbeiter, die über entsprechendes Know-how verfügen. Als dritte Säule sehen wir die Prozess-Logik: Alle Beteiligten, von der Herstellung bis hin zur Logistik, sollten in die Strategie mit einbezogen werden. Hier sind Kooperationen essentiell. Und schlussendlich, als vierte Säule, braucht es Reife. Dazu gehört auch die Zeit, die Konstruktion, Produktion und Vertrieb brauchen, um sich zu stabilisieren.

Können Sie Beispiele nennen für einen Bereich, in dem deutsche Unternehmen derzeit besonders stark auf Innovationen angewiesen sind?

Sowohl in der Luft- und Raumfahrt als auch auf dem Automobil-Markt oder in der Lebensmittel-Industrie werden die Innovations-Zyklen kürzer. Das Bedürfnis der Verbraucher nach Vielfalt ist gewaltig.

Woher kommt der Druck?

Zum Teil sicherlich durch die Globalisierung. Ein Beispiel: Chinesische Firmen müssen ihre Kraft nicht in Innovation setzen. Sie konzentrieren sich stattdessen auf das Kopieren und auf gute Qualität. Das ist ihre große Stärke. Qualitativ und preislich stehen sie deshalb in einem zunehmenden Wettbewerb zu deutschen Herstellern. Diese müssen wiederum aufpassen, dass bei allen Innovations-Zyklen die Qualität trotzdem stimmt. Nur so kann verhindert werden, dass durch mangelnde Industrialisierung „unfertige“ Produkte auf den Markt kommen, die die Kunden enttäuschen und dem Unternehmen schaden.

Eigentlich ist schon seit vielen Jahren klar, dass das System so nicht funktioniert. Alle wissen, dass es falsch ist, aber alle spielen mit.
Markus Rundt

In Bayerisch-Schwaben gibt es viele Zulieferer für die Industrie, auch für die Automobil-Branche. Wie sind diese Unternehmen von den aktuellen Entwicklungen betroffen?

Noch gar nicht. Denn im Moment erleben wir so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Ich sehe hier ein typisch schwäbisches Problem: Es wird nicht ausreichend präventiv gedacht, sondern eher nach dem Motto: „Solange nichts passiert, ist alles gut.“ Bisweilen fehlt auch die Bereitschaft der Führungskräfte, sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzten.

Es wird zu wenig in die Zukunft investiert. Die meisten Unternehmen unterliegen strengen Vorgaben durch das Financial Controlling. Das hebt die Hemmschwelle – auch, weil mit solchen Projekten Personal gebunden wird. Hohe Personal-Kosten machen Anleger nervös. Die Unternehmen wiederum befürchten, dass dringend benötigtes Kapital verschwindet. Es gilt, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Aus meiner Sicht ist gerade der inhabergeführte Mittelstand hier klar im Vorteil. Denn die Angst, dass das Geld einfach weiterzieht, besteht bei Familien-Unternehmen so nicht.

Wie wird denn aktuell mit dem Thema umgegangen?

Viele Hersteller wälzen das Problem bisher an die Lieferanten ab, die dafür wiederum nicht gerecht entlohnt werden. Ein knallharter Einkaufs-Wettbewerb ist die Folge. Einige halten diesem Druck nicht stand. Firmen gehen insolvent, Arbeitsplätze und Know-how verloren. Das wiederum schadet den Herstellern.

Eigentlich ist schon seit vielen Jahren klar, dass das System so nicht funktioniert. Alle wissen, dass es falsch ist, aber alle spielen mit. In dem Bestreben Anleger-Bedürfnisse zu befriedigen, treibt es die Hersteller immer weiter in den Osten. Auf der Seite der Lieferanten ist es Panik: Hier spielt die Angst, anders nicht mehr mithalten zu können, eine große Rolle.

Was genau können die Mittelständler hier tun?

Wichtig ist eine sinnvolle Strategie. Dazu gehört die Bereitschaft, langfristig zu denken. Eine Branchen-Diversifizierung sorgt dafür, dass ein Unternehmen weniger abhängig ist. Wer sich öffnet und mit regionalen Partnern Kooperationen eingeht, kann einen eigenen Markt schaffen. Unternehmen sollten auch auf die Innovationskraft ihrer eigenen Mitarbeiter setzen und vorausschauend agieren. Den Markt riechen, bevor er entsteht, Märkte selber kreieren, statt Aufträgen hinterherzulaufen – das ist es, worauf es ankommt.

Vor der Industrie 4.0 braucht es aus unserer Sicht die Qualität 4.0. DECURA zeigt Unternehmen, wie sie eine sichere Absprung-Basis schaffen und innovativer werden. Die Menschen für das Thema Innovation zu sensibilisieren, das ist unser Kerngeschäft.

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