Industrie- und Handelskammer Schwaben

Bahn-Projekte: Ein Schritt nach vorn, zwei zurück

Der Ausbau des Streckennetzes am Bahnhof Neu-Ulm ist unsicher, Foto: Annette Koch/DB

Die Anmeldungen des Freistaats Bayern für den Verkehrswegeplan begrüßte nun der IHK-Verkehrsausschuss-Vorsitzende Alfred Kolb. Ein klares Nein äußerte er zu der drohenden Streichung im Raum Neu-Ulm/Günzburg.

Die Anmeldeliste des Freistaats Bayern für den Bundesverkehrswegeplan 2015 ist nach Einschätzung des IHK-Verkehrsausschuss-Vorsitzenden Alfred Kolb „ein wichtiger Schritt nach vorne – aber eben nur einer von vielen auf einem sehr langen Weg“. Zum aktuellen Kabinettsbeschluss äußerte sich Kolb: „Damit ist nun die Wunschliste aus Bayern formuliert, jetzt kommt es aber auf den Bund an.“ Der angestrebte Ausbau der Bahnstrecke Ulm–Augsburg durch ein drittes Gleis bei Gessertshausen sei ausdrücklich zu begrüßen. Aus wirtschaftlicher Sicht sei jedoch nicht hinnehmbar, dass dies auf Kosten des Ausbaus im Raum Neu-Ulm/Günzburg gehe. Genau dessen Streichung aus den Planungen des Bundes bis 2030 zeichne sich jedoch derzeit ab.

IHK Verkehrsausschuss fordert vom Freistaat mehr Einsatz für dritte Gleise 

„Wir halten es für richtig und notwendig, dass der Freistaat sich für die seit Jahrzehnten diskutierten ‚dritten Gleise‘ einsetzt“, betonte der IHK-Verkehrsausschuss-Vorsitzende Alfred Kolb. Dies gelte insbesondere für das Gleis zwischen Augsburg und Meitingen in Fahrtrichtung Donauwörth. Dieses war nicht von Beginn an der Vorschlagsliste vertreten. Unter anderem hatte sich die IHK Schwaben für den Ausbau dieses Gleis eingesetzt. „Ohne diesen Ausbau würden die heutigen Unzulänglichkeiten in der Nord-Süd-Fernverkehrsanbindung festgeschrieben, allein schon weil es in einigen Jahren an ‚Platz auf den Schienen‘ für zusätzliche ICEs fehlen wird“, erklärte Kolb. Ohne dieses Gleis könnte aus dem aktuellen Angebot nie der zugesagte echte Regio-Schienen-Takt werden.

Drittes Gleis zwischen Augsburg und Gessertshausen als Minimal-Lösung

Das dritte Gleis zwischen Gessertshausen und Augsburg bezeichnete Kolb als „betrieblich notwendige Minimal-Lösung.“ Die kurze Strecke erlaube es nicht, ICE-Züge auf der Destination Ulm–Augsburg zu beschleunigen, weil sie dann bereits vor Gessertshausen auf vorausfahrende Regionalzüge „auflaufen“ und zum Abbremsen gezwungen wären. Heute jedoch festzulegen, dass die Züge auf Jahrzehnte hinaus nicht schneller fahren können, widerspräche der Idee der transeuropäischen Magistrale Paris–Wien–Budapest, so der IHK-Verkehrsausschuss-Vorsitzende weiter. „Hier brauchen wir einen längeren Ausbauabschnitt, zum Beispiel Dinkelscherben–Augsburg.“

Kolb weist Überlegungen der Bahn über Verzicht auf Geschwindigkeitserhöhung zurück

Überlegungen der Bahn, formal auf die Geschwindigkeitserhöhung Neu-Ulm–Neuoffingen im Kreis Günzburg auf 200 km/h zu verzichten, die bislang noch Teil des „vordringlichen Bedarfs“ im Bundes-verkehrswegeplan ist, wies Kolb daher zurück: „Wir wollen nicht festschreiben lassen, dass die durchgehenden Hochgeschwindigkeitsstrecken aus Paris, Marseille und London künftig an der bayerischen Landesgrenze auf der Donaubrücke zwischen Ulm und Neu-Ulm enden und in Schwaben eine Lücke bis zur fertiggestellten Schnellstrecke Dinkelscherben–Augsburg–München bleibt.“ Bis 2002 sei ein kompletter Ausbau von Neu-Ulm bis Augsburg im Bundesverkehrswegeplan vorgesehen gewesen. „Seitdem schmelzen die Perspektiven für diese Strecke wie Schnee in der Sonne.“

Unsicherer Ausbau der Strecke Neu-Ulm–Neuoffingen: weitere Konzepte betroffen

Verstärkt werde dieser Trend dadurch, dass der Gutachter des Bundes offensichtlich empfiehlt, zugunsten des dritten Gleises Gessertshausen–Augsburg, das insgesamt 13 Kilometer misst, auf das bisher ebenfalls als vordringlich im Bundesverkehrswegeplan enthaltene dritte Gleis Neu-Ulm–Neuoffingen mit einer Länge von 28 Kilometern zu verzichten, weil man dort den Bedarf nicht mehr sehe. Kolb dazu: „Im Klartext heißt dies, dass es zwischen Ulm und Augsburg im nächsten Verkehrswegeplan künftig unter dem Strich nochmal 15 Kilometer weniger Ausbau geben soll. Wir können nicht erkennen, warum die Politik dies als Erfolg feiert.“ Überdies werde im Raum Ulm damit auch das regionale S-Bahn-ähnliche Konzept auf dieser Strecke in Frage gestellt.

Elektrifizierung der Strecke München–Memmingen–Lindau muss Vorrang haben

Das „grundsätzliche Ziel“, die Elektrifizierung zusätzlicher Strecken im und ins Allgäu (Augsburg–Buchloe, Buchloe–Kempten–Lindau, Ulm–Kempten–Oberstdorf) zum Verkehrswegeplan anzumel-den, sei „als Langfristperspektive“ zu begrüßen. „Hier bleibt aber abzuwarten, ob der Bund bereit ist, dies überhaupt in den Plan zu übernehmen“, berichtete Kolb. Eine Perspektive bis 2030 hätten diese Vorhaben ohnehin nur dann, wenn andere Finanzierungswege gefunden würden: „Es muss klar gesagt werden, dass es für diese Vorhaben heute und in den nächsten Jahren faktisch keinen Finanzierungstopf gibt und nach heutigen Bewertungs-Kriterien ein Ausbau über den Bundesverkehrswegeplan nicht realistisch ist. Dazu bräuchten die Bundesländer und die Bahn mehr Geld vom Bund für solche regionalen Projekte.“ Priorität für das Allgäu habe zunächst die Elektrifizierung München–Memmingen–Lindau, bei der es gelte, sie trotz der Kostensteigerung ohne weitere Verzögerungen voranzutreiben.

Ein zweites Gleis von Neu-Ulm Richtung Allgäu hat Priorität

Auf der Strecke Ulm–Memmingen–Kempten sei die fehlende Kapazität wesentlich dringlicher als die Elektrifizierung. „Die Anschlüsse zum ICE in Ulm, die für den Geschäftsreise- und Tourismus-Verkehr im Allgäu wichtig sind, gleichen teilweise einem Lotteriespiel. Die Strecke ist erkennbar an der Leistungsgrenze, und mit der Eröffnung der Strecke Ulm–Senden–Weißenhorn ab Dezember 2013 sollen dort nochmal 40 Züge pro Tag zusätzlich rollen.“ Ein zweites Gleis südlich von Neu-Ulm sei dringend nötig. „Aber auch hier sagt niemand, dass dafür in diesem Jahrzehnt nach heutiger Lage kein Geld in Sicht ist“, so der IHK-Verkehrsausschuss-Vorsitzende Alfred Kolb weiter.

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