Kommentar „Neue Bauernregeln“

Schwarzer Peter nur für Bauern? Diese Rechnung geht nicht auf

Symbolbild. Foto: iStock / RGtimeline
Warum die Kampagne „Neue Bauernregeln“ des Bundesumweltministeriums zu Recht gescheitert ist? Weil Spott und Vorurteile keine zulässigen Elemente verantwortungsbewusster Ordnungspolitik sind.

„Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon.“ Aus Hape Kerkelings Satire-Song von einst ist bittere Realität geworden. Eine der sichersten Methoden, um in den sogenannten sozialen Medien des Internets Zuspruch und Applaus zu erhalten, besteht im Generieren und Verbreiten von Witzeleien, Parodien, Wortspielen und Spott. „Memes“, wie das Format der einschlägigen Wort-Bild-Kombinationen im Fachjargon heißt, sind die Aufkleber des digitalen Zeitalters: Pappen überall und gehen nur schlecht wieder ab.

Das muss den Verantwortlichen im Bundesumweltministerium auch gut gefallen haben, die im Umfeld der „Grünen Woche“ eine Kampagne auf den Markt geworfen hatten, um Missstände in der Landwirtschaft anzuprangern. In der Ästhetik idyllischer Poesiealbums-Sticker hatte die ministeriale PR-Maschine „neue Bauernregeln“ ausgespuckt (unter diesem Begriff finden sich einschlägige Dokumente noch reichlich in den Suchmaschinen), die in klassischer Kalenderspruch-Reimform daherkommen: „Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“

Nach massiven Protesten aus der organisierten Bauernschaft, aber auch seitens politischer Mandatsträgern hat das Ministerium die Kampagne nun zurückgezogen – und das ist gut so. Nicht, weil die kommunizierten Inhalte falsch wären. Sondern weil es falsch ist, mit verallgemeinernden Sprüchen Vorurteile zu schüren und einen ganzen Berufsstand in Misskredit zu bringen. Das ist nicht Aufgabe eines Ministeriums und einer Ministerin, die – ministrare heißt „dienen“ – der Gesellschaft zur Unterstützung verpflichtet sind, nicht zur Verspottung. Zumal solche Ausritte in die Niederungen der Kommunikationsmittel über kurz oder lang Nachahmer animieren: Morgen sind dann die Lkws dran oder die Windkraftwerke.

Auch kann nicht die Rede sein von einer „harmlosen Aufklärungskampagne“, deren Ende nun eine Organisation wie der NABU wortreich beklagt. Denn zu der hätte es auch gehört, jene mit anzusprechen, die bereit sind einige hundert Euro für immer wieder neue Generationen von Smartphones auf den Tisch zu blättern, die aber beim Kauf verantwortungsvoll erzeugter Lebensmittel den Geizhals geben. Den Bauern den Schwarzen Peter zuzuschieben und die Verbraucher außen vor zu lassen, zeugt entweder von Borniertheit oder von der Scheu vor dem Protest der unangenehm Berührten. Die würden Sprüche wie „Nur weil ich billig essen will, steckt das Turbo-Huhn am Grill“ auch nicht so gern teilen.

Die Verwaltung unseres Staates soll ordentliche Rahmenbedingungen schaffen, damit unsere Gesellschaft sich entfalten und entwickeln kann – im Idealfall hin zum Besseren. Dass dafür der umfassende Austausch von Gedanken, Ideen und Informationen besser geeignet ist als der Pranger, sollte sich allmählich herumgesprochen haben. Auch das Ministerium signalisiert Umdenken: „Auf diesen Seiten finden Sie zahlreiche Maßnahmen und Initiativen sowie interessante Links, die den Weg zu einem Kurswechsel aufzeigen. Diskutieren Sie mit, wie wir unsere Landwirtschaft gemeinsam zukunftsfähig machen können und beteiligen Sie sich an unserem ,Dialog Landwirtschaft‘!“ heißt es nun dort, wo zuvor die Spott-Memes abrufbar waren. Warum denn nicht gleich so?

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Kommentar „Neue Bauernregeln“

Schwarzer Peter nur für Bauern? Diese Rechnung geht nicht auf

Symbolbild. Foto: iStock / RGtimeline
Warum die Kampagne „Neue Bauernregeln“ des Bundesumweltministeriums zu Recht gescheitert ist? Weil Spott und Vorurteile keine zulässigen Elemente verantwortungsbewusster Ordnungspolitik sind.

„Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon.“ Aus Hape Kerkelings Satire-Song von einst ist bittere Realität geworden. Eine der sichersten Methoden, um in den sogenannten sozialen Medien des Internets Zuspruch und Applaus zu erhalten, besteht im Generieren und Verbreiten von Witzeleien, Parodien, Wortspielen und Spott. „Memes“, wie das Format der einschlägigen Wort-Bild-Kombinationen im Fachjargon heißt, sind die Aufkleber des digitalen Zeitalters: Pappen überall und gehen nur schlecht wieder ab.

Das muss den Verantwortlichen im Bundesumweltministerium auch gut gefallen haben, die im Umfeld der „Grünen Woche“ eine Kampagne auf den Markt geworfen hatten, um Missstände in der Landwirtschaft anzuprangern. In der Ästhetik idyllischer Poesiealbums-Sticker hatte die ministeriale PR-Maschine „neue Bauernregeln“ ausgespuckt (unter diesem Begriff finden sich einschlägige Dokumente noch reichlich in den Suchmaschinen), die in klassischer Kalenderspruch-Reimform daherkommen: „Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“

Nach massiven Protesten aus der organisierten Bauernschaft, aber auch seitens politischer Mandatsträgern hat das Ministerium die Kampagne nun zurückgezogen – und das ist gut so. Nicht, weil die kommunizierten Inhalte falsch wären. Sondern weil es falsch ist, mit verallgemeinernden Sprüchen Vorurteile zu schüren und einen ganzen Berufsstand in Misskredit zu bringen. Das ist nicht Aufgabe eines Ministeriums und einer Ministerin, die – ministrare heißt „dienen“ – der Gesellschaft zur Unterstützung verpflichtet sind, nicht zur Verspottung. Zumal solche Ausritte in die Niederungen der Kommunikationsmittel über kurz oder lang Nachahmer animieren: Morgen sind dann die Lkws dran oder die Windkraftwerke.

Auch kann nicht die Rede sein von einer „harmlosen Aufklärungskampagne“, deren Ende nun eine Organisation wie der NABU wortreich beklagt. Denn zu der hätte es auch gehört, jene mit anzusprechen, die bereit sind einige hundert Euro für immer wieder neue Generationen von Smartphones auf den Tisch zu blättern, die aber beim Kauf verantwortungsvoll erzeugter Lebensmittel den Geizhals geben. Den Bauern den Schwarzen Peter zuzuschieben und die Verbraucher außen vor zu lassen, zeugt entweder von Borniertheit oder von der Scheu vor dem Protest der unangenehm Berührten. Die würden Sprüche wie „Nur weil ich billig essen will, steckt das Turbo-Huhn am Grill“ auch nicht so gern teilen.

Die Verwaltung unseres Staates soll ordentliche Rahmenbedingungen schaffen, damit unsere Gesellschaft sich entfalten und entwickeln kann – im Idealfall hin zum Besseren. Dass dafür der umfassende Austausch von Gedanken, Ideen und Informationen besser geeignet ist als der Pranger, sollte sich allmählich herumgesprochen haben. Auch das Ministerium signalisiert Umdenken: „Auf diesen Seiten finden Sie zahlreiche Maßnahmen und Initiativen sowie interessante Links, die den Weg zu einem Kurswechsel aufzeigen. Diskutieren Sie mit, wie wir unsere Landwirtschaft gemeinsam zukunftsfähig machen können und beteiligen Sie sich an unserem ,Dialog Landwirtschaft‘!“ heißt es nun dort, wo zuvor die Spott-Memes abrufbar waren. Warum denn nicht gleich so?

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