Kempten/Oberallgäu | 03.05.2010

Diplom-Ingenieur Steff Bell aus Edinburgh
Der Diplom-Ingenieur Steff Bell aus Edinburgh gewann im Rahmen eines Traineeprogramms bei den Fachplanern Herz & Lang ganz neue Einblicke in das Thema energieeffizientes Bauen. Das Wissen und die Praxiserfahrung will er nun in seiner Heimat Schottland anwenden.
„Es gibt bei uns in Schottland jede Menge zu tun“, weiß Steff Bell. „Die Deutschen sind uns um Längen voraus.“ Herz & Lang zählen zu den renommiertesten Passivhaus-Experten in Deutschland. Unter anderem betreute das Team während Bells Deutschlandaufenthalt eines der größten Passivhaus-Projekte der Welt. Auf dem sogenannten Lodenareal in Innsbruck (Österreich) entstanden zwei Wohnkomplexe mit insgesamt 354 Wohneinheiten in zertifizierter Passivhaus-Bauweise.
18 Liter pro Quadratmeter Heizöl pro Quadratmeter im Jahr
Der Heizenergieverbrauch in diesen Wohnungen liegt bei umgerechnet 1,5 Liter Heizöl pro Quadratmeter im Jahr. „Im Vergleich dazu“, erklärt Bell, „werden in schottischen Neubauten 15 bis 18 Liter pro Quadratmeter im Jahr in die Luft hinausgepustet.“ Angesichts steigender Energiepreise – im vergangenen Sommer betrug der Anstieg rund 40 Prozent –, knapper werdender britischer Gas- und Ölvorkommen und der dringend notwendigen Reduktion des C02-Ausstoßes ist energieeffizientes Bauen das Gebot der Stunde. „Leider ist das in Schottland noch nicht so recht erkannt worden“, klagt Steff Bell.
Nachholbedarf im Neubau und in der Sanierung
„Aber wir können und müssen unsere Baustandards deutlich erhöhen.“ Steff Bell, der bei Herz & Lang an der Berechnung und Zertifizierung von Passivhäusern beteiligt war, sieht nicht nur im Neubausektor, sondern auch bei der Sanierung bestehender Gebäude in seiner Heimat enormen Nachholbedarf. Um den Rückstand aufzuholen, müssten aber die Architekten, Ingenieure und Firmen, die mit Modernisierungsmaßnahmen betraut werden, ihr Fachwissen dringend vertiefen. „Es reicht nicht aus, nur bessere Fenster einzubauen und die Dämmung zu verbessern“, meint Bell. „Es müssen ganzheitliche Konzepte her, sonst treten Schimmelbildung oder andere Probleme auf.“
Unter anderem legte der Gast aus Schottland die Prüfung zum Passivhaus-Planer ab. Damit ist Bell einer der ersten schottischen Bauexperten überhaupt, der sich zertifizierter Passivhausplaner nennen darf. „Ich weiß jetzt, wie ein Passivhaus funktioniert, auf was es ankommt“, betont Bell. Und er hofft, sein Wissen bei möglichst vielen Projekten umsetzen zu können. Die Arbeit im Scottish Passive House Centre bietet ihm die Chance dazu.
„Mentales Problem“
Dass Schottland noch weit davon entfernt ist, ein Passivhaus-Land zu werden, liegt nach Bells Einschätzung auch an einem mentalen Problem. „Die Schotten sind einfach noch nicht bereit, für energiesparende Baumaßnahmen zusätzlich Geld auszugeben.“ Es werden zwar immer mehr Solaranlagen auf den Dächern installiert, aber damit lassen sich angesichts der geringen Dämmung und der mangelnden Luftdichtheit der Gebäudehülle sowie der vielen Wärmebrücken nur zehn Prozent des Energiebedarfs gewinnen.
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