Expertentipps | 07.12.2011

Im Gespräch mit Reinhold Braun
Innovation sichert Zukunft, Mittelstand überwindet Krisen, Familienunternehmen denken nachhaltig, ein guter Standort ist das, was ein Unternehmen daraus macht – Sortimo in Zus marshausen vereint alles in sich, was derzeit auf dem Trendbarometer für erfolgreiches Wirtschaften ganz oben steht. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Reinhold Braun über die Perspektiven eines bodenständigen Weltmarkt-Champions.
B4B SCHWABEN TOP FIRMEN: Wie sind die Zeiten für den Mittelstand – schlecht?
Reinhold Braun: 1973, als unser Unternehmen gegründet wurde, waren die Voraussetzungen wesentlich schlechter als heute. Damals war noch weniger Kapital für den Mittelstand da als jetzt. Aber es lohnt sich nie, über „die Zeiten“ zu jammern. Daran kann ich sowieso nichts ändern. Aber ich kann die Herausforderung annehmen und mich dann unternehmerisch entfalten.
Und wie ging das vor sich?
Sehen Sie – für das Produkt, das Herbert Dischinger damals erfand, gab es keinen Markt. Sogar der Namensbestandteil „mobil“ war als Begriff noch gar nicht richtig im Alltag angekommen. Und „Plastik“ war als Material ein negativ belegter Begriff, gleichbedeutend mit „Schrott“. Aber aus einer genialen Idee, einen Markt zu entwickeln, sich die visionäre Projektion zu erhalten, der Zeit voraus zu sein – das zeichnet den wahren Unternehmer aus. Das ist die Basis. Von dort aus kann man dann die Chance nach der Marktführerschaft ergreifen.
Aber auch das Risiko eingehen, dass man scheitert …
Das gehört dazu. Unternehmer aus Leidenschaft folgen immer wieder ihrem Bauchgefühl. Ohne es hat man auch gar keine Chance. Risiken geht man bewusst ein, berechnend. Dieses Verhalten zeichnet Familienunternehmer aus. Insbesondere in Familienunternehmen ist das stark ausgeprägt. Denn dort geht es nicht in erster Linie ums Geldverdienen. Geld wird dort mehr als Mittel zum Zweck betrachtet. Natürlich spielt die Sicherung des Erreichten eine Rolle. Man plant für drei bis fünf Jahre. Aber man arbeitetfürs Leben. Da steckt Nachhaltigkeit drin, ohne dass man den Begriff groß bemühen muss.
Und wenn etwas schiefgeht?
Dann steht man dazu. In Familienunternehmen gibt es keine Ausreden. Da haftet man direkt.
Wie gehen Sie in diesem Szenario mit Controllern um?
Eine derart langfristige Planung, wie sie Familienunternehmen üblicherweise haben, ist mit dem typischen, heute üblichen Controllingdenken kaum vereinbar. Das strebt nach Quartalsergebnissen, wir denken schon an die nächste Generation. Bei uns geht es auch immer darum, eine Marke, ein Image aufzuladen und glaubwürdig am Leben zu erhalten. Dazu muss man immer wieder auch auf ein Modell setzen – beziehungsweise setzen können – das sich so nicht in Euro und Cent rechnen lässt.
Vermutlich gilt das ganz besonders bei Innovationen?
Richtig. Jeder redet über Innovationen, Unternehmen wie wir müssen sie beweisen. All das, worüber sich Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer Gedanken machen, müssen wir in ein Businessmodell transferieren. Erst unser Glaube daran macht daraus greifbare Produkte. Darum wissen wir auch so gut, wie sich neue Ideen anschließend vermarkten lassen.
Bei Standortentscheidungen gibt es dann vermutlich einen Kampf zwischen Bauch und Kopf?
Wir nutzen den Kopf, um das in die Tat umzusetzen, was uns der Bauch rät. Wenn wir bevorzugt in neue Technologien investieren, dann hat das natürlich mit dem Standort zu tun – und zwar mit seinem Erhalt. Um in einem Hochlohnland wie Deutschland zu bestehen, brauchen wir fortschrittliche Ideen, um wettbewerbsfähig zu sein. Wenn wir vorne dabei sein wollen, dann müssen wir Märkte wecken statt nur Bedarfe zu decken. So wie Herbert Dischinger uns das vor 38 Jahren vorgemacht hat.
Dann darf man diesen Standort hier in Zusmarshausen an der Autobahnausfahrt als Statement für den Standort verstehen?
Auf jeden Fall. Wir haben unser Unternehmen bewusst hierher verlegt. Die direkte Sichtbarkeit von einer der Lebensadern der Mobilität, auf der jeden Tag Zehntausende von Fahrzeugen an uns vorbeirollen, ist ein großartiger Werbeeffekt für die Marke in der Wahrnehmung. Wir wollen für alle Welt sichtbar sein – und hier sind wir es.
Apropos Mobilität: Ist der permanent steigende Ölpreis für Ihr Unternehmen vorteilhaft oder schädlich?
Der Vorteil, den wir unseren Kunden durch geringeres Gewicht von Einbauten beim Spritverbrauch bieten, wiegt da wesentlich schwerer als unsere gestiegenen Kosten im Einkauf. Es lohnt sich also weiterhin, unsere Produkte anzubieten, wenn Sie darauf abzielen (lacht). Aber natürlich spielen diese Entwicklungen eine zentrale Rolle, wenn wir uns überlegen, wo wir mit Innovationen ansetzen.
Zum Beispiel?
Ein aufgeräumtes Fahrzeug, wie es durch Sortimo- Systeme gestaltet wird, fördert die Energieeffizienz gleich mehrfach. Es werden unnötige Zusatzlasten vermieden, die man „sicherheitshalber“ und „extra“ mitnimmt. Daraus ergibt sich ganz automatisch ein nachhaltiges Wirtschaften beim Betreiber des Fahrzeugs, der seinen Materialfluss viel effizienter und sparsamer gestalten kann. Wenn wir jetzt exemplarisch unseren Blick auf eine Ersatzteilversorgung über Boxen richten und dann über eine intelligente Vernetzung der Inhaltsdaten mit diversen Planungs- und Steuerungssystemen nachdenken, dann kommen wir noch einen Schritt weiter, die Abläufe wirtschaftlicher zu gestalten. Es stimmt schon, dass Nachhaltigkeit immer bei der Hardware beginnt. Aber erst unter Hinzufügen von Intelligenz entfaltet sie ihre ganze Wirkung.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Ihre Zuwendung zu Carbon?
Die hat zwei Komponenten – eine private und eine geschäftliche. Als begeistertem Mountainbikefahrer sind mir der Werkstoff und seine außerordentlichen Möglichkeiten schon früh begreifbar geworden, im wahrsten Sinn des Wortes. Da ist der Funke schnell übergesprungen und hat Überlegungen entzündet, welche Perspektiven und Chancen sich für Sortimo daraus ergeben. Die zentrale Frage dabei war vor allem: Wann ist der Punkt für eine wirtschaftliche Serienproduktion erreicht? Sprich: Wann erkennen genügend andere Unternehmen diese Möglichkeiten und setzen sie um? Wenn Sie sich heute umsehen, werden Sie dabei vor allem in der Luftfahrt und im Automobilbau fündig. Das ist unsere Welt.
An welchem Punkt haben Sie konkret angesetzt und mit Verbundwerkstoffen zu arbeiten begonnen?
Das war 1999/2000 mit dem Kauf der Firma Speedwave. Da gab es Modellbau, da gab es Bootsbau, und da gab es CFK. Das war unser Anfang. Gerade in den vergangenen fünf Jahren haben wir unsere Arbeiten dann intensiviert, nicht zuletzt getragen von der entsprechenden Dynamik im Wirtschaftsraum Augsburg und Bayerisch-Schwaben. Ich komme hier noch einmal auf die Standortfrage zurück: Mit dem Einstieg in Carbon waren wir in der Lage, unseren hiesigen Produktionsstandort ein weiteres Mal innovationsorientiert aufzustellen und Zusmarshausen auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu halten. Man darf dabei allerdings nicht nur produktions orientiert denken.
Sondern?
CFK ist ein Werkstoff, bei dem man prozessorientiert denken muss. Sonst ist die Komplexität nicht beherrschbar, die aus dem Einsatz entsteht. Diese Ausrichtung wiederum erfordert die Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Fachkräften – ein Vorteil des Standorts Deutschland. Die so geschaffene Expertise sorgt dafür, dass hier geschaffene Innovationen und Systemlösungen nicht kopierbar sind.
Sehen Sie schon Erfolge dieser Strategie?
Die Anlage läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und sichert unser Stammgeschäft.
Sie sind als Unternehmen eingebunden in Carbon-Initiativen und Cluster. Worin liegt der Vorteil?
Gerade am Anfang einer Entwicklung ist es wichtig, nicht alle Erfahrungen und Fehler allein und für sich zu machen. Hier bedeutet geteiltes Wissen doppelten Nutzen. Die Vernetzung der beiden Schwerpunktstandorte in Stade und Augsburg hilft beiden, sich im globalen Wettbewerb vorteilhaft zu positionieren. Abhängig von der jeweiligen Innovation bedeutet jedes Miteinander einen solchen Vorteil. Denn es erhöht die Komplexität und erschwert das Kopieren.
Leidet darunter nicht die Souveränität?
Die Souveränität eines Familienunternehmens hat ganz andere Grundlagen als solche Details. Eher sehe ich das Gegenteil wirken: Wir können durch den Einsatz von Carbon unser Sortiment verändern, verbessern und erweitern. Das macht uns souveräner. Wir können aber zusätzlich noch Impulse an unsere Partner und Zulieferer geben. Das macht uns erst recht souverän.
Auf einer Skala von 0 bis 100: Wo ist Sortimo heute in Sachen Carbon angelangt?
Wir befinden uns im Raum zwischen 40 und 60 – haben also noch reichlich Spielraum. Unser Ziel liegt eher bei 80 als bei 100, weil diese letzten 20 Prozent bekanntermaßen oft mehr Aufwand verursachen, als sie Nutzen bringen. Betrachten Sie diese Positionierung aber bitte auch in einem anderen Zusammenhang: Wir sind bei CFK heute da, wo der Stahl vor 100 Jahren, der Kunststoff vor 50 Jahren war. Entwicklungen sind noch möglich, aber andere Werkstoffe tauchen schon am Horizont auf. Das geht immer weiter.
Wie empfinden Sie Ihre Position?
Da geht es mir wie jedem anderen im Haus, vom Facharbeiter bis zum Bereichsleiter – wir empfinden die Freude am Pioniergeist. Und wir nehmen ebenfalls erfreut wahr, wie der Standort selbst profitiert, der ganze Raum von Augsburg bis Günzburg, Ulm und Donauwörth. Wir profitieren da sogar von kulturellen Unterschieden, in dem wir uns das Duale Studium aus Baden-Württemberg zunutze machen. Wir bekommen hier bestens qualifizierten Nachwuchs aus Heidenheim.
Die Region bietet Ihnen also offenbar genau die passende Infrastruktur …
Infrastruktur ist überhaupt der Hebel für die ganze deutsche Wirtschaft. Ihr Funktionieren beflügelt die Loyalität zum Standort – beim Unternehmer genauso wie beim Mitarbeiter. Wenn aus diesem Flügelschlag dann Innovation entsteht, hilft das wiederum dem Standort. Nicht zuletzt dieses wechselseitige Miteinander hat aus meiner Sicht geholfen, den Fertigungsstandort Deutschland zu erhalten, als vor 10, 15 Jahren auf einmal „Service“ als das Nonplusultra der modernen Wirtschaft galt. Die Folgen – im Schlechten wie im Guten – sehen wir heute rund um den Globus.
Sie plädieren also für den kreativen Erhalt des Bestehenden?
Substanz gibt es nur über Generationen. Das gilt für eine Marke genauso wie für ein Produkt, genauso wie für die Fachkräfte und ihr Spezialwissen. Wenn man auf den Gedanken kommt, Substanz zu entziehen, dann muss man sie stets dafür nutzen, neue Substanz zu schaffen. Nur um Löcher zu stopfen – das geht nicht.
B4B SCHWABEN TOP-Firmen präsentiert Firmenporträts erfolgreicher Unternehmen in der Region. Reporte zu Zukunftsbranchen, Analysen zu Perspektiven der Region ergänzen sich mit einer Chronologie wichtiger Meilensteine und aussagekräftiger Statements zu einem Handbuch des Wirtschaftsjahres.
Schwerpunkthema der aktuellen Ausgabe: Familienunternehmen

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