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Die Top-Nachrichten aus Augsburg

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Interview mit Reinhold Demel und Peter Litzka

Nichts bleibt, wie es ist

Viele Unternehmer können das Wort vom „Demografischen Wandel“ schon nicht mehr hören. Zumal dessen Folgen vielfach unterschiedlich interpretiert und bewertet werden. Ein Interview mit Praktikern wie den Chefs der Agentur für Arbeit in Augsburg und Kempten, Reinhold Demel und Peter Litzka, zeigt jedoch, dass die Betriebe schon heute mitten in der Problematik angekommen sind – und sich auf starke Veränderungen einstellen.

Die deutsche Wirtschaft steht bereits mitten im demografischen Wandel. Hat sie das schon erkannt?

REINHOLD DEMEL: Großbetriebe haben sich schon des Themas angenommen und sind bereits tätig. Klein- und Mittelbetriebe, je nach Branche, tun sich schwerer damit. Der Agenturbezirk Augsburg wird von Betrieben mit einer Mitarbeiterzahl von bis zu 250 bestimmt. 80 Prozent der Firmen haben zwischen einem Mitarbeiter und neun Mitarbeitern. Großbetriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern gibt es dagegen nur 42. Deshalb ist das weniger ein Thema für Groß- als für Kleinbetriebe.

PETER LITZKA: Dem kann ich mich nur anschließen. Und ich sehe durchaus, dass sich viele Betriebe schon mit dem Thema befassen. Allerdings sind dies vor allem große Unternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen, die auch im Allgäu das Gros der Arbeitsplätze stellen, haben hier noch Nachholbedarf.

An welchen Stellen sind die Folgen bereits problematisch – und wo lauern eher noch versteckte Risiken und Gefahren?

DEMEL: In den Branchen Metall und Elektro ist die Demografie schon ein wichtiges Thema. Die Arbeitgeber spüren den Mangel bereits. Aber auch in den sogenannten MINT-Berufen gibt es einen Mangel an Akademikern, vor allem von Ingenieuren. Durch die Alterung der Gesellschaft werden im Laufe der Zeit in manchen Branchen zunehmend Arbeitskräfte gebraucht, zum Beispiel auf dem Gesundheitssektor. Hier wird der Mangel an Arbeitskraft noch spürbarer werden.

LITZKA: Auch im Gastgewerbe und in Branchen wie dem Lebensmittelhandwerk, die ja schon lange mit dem Mangel an Fachkräften kämpfen, wird die Entwicklung den Mangel noch verschärfen, wenn es nicht gelingt, vor allem junge Menschen für diese Branchen zu interessieren.

„Demografischer Wandel“ wurde als Begriff in jüngster Zeit vielfach gebraucht – bleibt aber dennoch sehr abstrakt und, wie bei der Bewertung von „Kopfschmerzen“, der persönlichen Gewichtung überlassen. Rührt der Abstand, den viele Unternehmer zum Thema einnehmen, aus der Schwammigkeit des Begriffs?

DEMEL: So lange die Firmen genügend Arbeitskräfte bekommen, die ihren Anforderungen entsprechen, machen sie sich oft keine Gedanken um die Zukunft und wie es dann mit dem Angebot an Arbeitskräften ausschaut. Erst wenn der Mangel da ist, werden viele Unternehmen aktiv. Auswirkungen sind zum Teil aber schon feststellbar, zum Beispiel bei der sinkenden Zahl von Lehrstellenbewerbern. Wer hingegen vorausschauend denkt und heute zum Beispiel in die Aus- und Weiterbildung seiner Belegschaft investiert, der wird aus meiner Sicht weniger ein Problem mit der Alterung der Gesellschaft und seiner Belegschaft haben.

LITZKA: Demografischer Wandel ist kein Krankheitssymptom wie etwa Kopfschmerzen, sondern er beschreibt ein gesellschaftliches Phänomen, das heute bereits Wirklichkeit geworden ist. Seit Kurzem sehen wir in Deutschland und auch in unserer Region weniger Schulabgänger. Das Potenzial an Arbeitskräften, aus dem die Betriebe schöpfen konnten, wird geringer – und das sind harte Fakten.

Was müssen Unternehmen tun, um sich auf den Wandel einzustellen?

DEMEL: Ausbilden und sich die benötigte Fachkraft selbst heranziehen. In Aus- und Weiterbildung der Belegschaft investieren sowie ein betriebliches Gesundheitsmanagement installieren und zum Beispiel Rückenschule anbieten oder ergonomische Stühle und Tische. Auch die Agentur für Arbeit Augsburg hat für ihre Mitarbeiter verschiedene Angebote, zum Beispiel werden Massagen angeboten oder Kurse zur Raucherentwöhnung bezuschusst.

LITZKA: Die grundsätzlichen Fragen für die Betriebe lauten: Wie mache ich mein Unternehmen attraktiv, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, und wie kann ich sie möglichst lange binden? Da geht es zum Beispiel um eine faire Entlohnung, immaterielle Anreize wie eine wertschätzende Behandlung und natürlich den ganzen Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Daneben müssen sich Unternehmen zum Beispiel auch fragen: Wie attraktiv bin ich für Frauen nach der Familienphase? Wie gestalte ich den Arbeitsplatz für ältere Mitarbeiter altersgerecht?

Wie müssen die Firmen vorgehen, um diese Aufgabe zu bewältigen?

DEMEL: Das denke ich, kommt auch auf die Branche an. Im Baugewerbe sind die Anforderungen anders als im Büro.

LITZKA: Der Unternehmer sollte selbstkritisch seinen Betrieb unter die Lupe nehmen und sich ehrlich fragen: Möchte ich als Arbeitnehmer in meinem Betrieb beschäftigt sein? Und er muss sich bewusst werden, dass Fachkräfte es sich zusehends mehr erlauben können, wählerisch zu sein und zu einem attraktiveren Arbeitgeber wechseln.

Wer muss sich im Unternehmen der Problematik annehmen? Ist das die Aufgabe der Personalabteilung, oder ist der demografische Wandel Chefsache?

DEMEL: Der Chef sollte die Vorbildfunktion übernehmen, dieses Thema treiben und voranbringen. Aber auch jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin sollte dafür sorgen, dass die Firma nach außen hin ein positives Image hat. Das Kapital sind die Mitarbeiter und dieses muss gepflegt werden. Es sollte zum Beispiel Entwicklungsmöglichkeiten geben.

LITZKA: Jeder Beschäftigte ist ein Werbeträger für sein Unternehmen. Seine Meinung über den Arbeitgeber wirkt stärker als jede Werbekampagne. Aber eins ist unumstritten: Der Chef als Vorbild strahlt auf das gesamte Unternehmen aus – sowohl nach außen wie auch nach innen.

Welche Denkweisen müssen auf jeden Fall über Bord gehen?

DEMEL: Dass ältere und behinderte Menschen weniger leistungsfähig sind und nur junge Menschen Leistungsträger. Hier in Augsburg spielen auch noch der hohe Ausländeranteil von 16 Prozent und der Migrantenanteil von 40 Prozent eine bedeutende Rolle. Wir müssen weiter daran arbeiten, dass zum Beispiel deren in der Heimat erworbene Qualifikation hier in Deutschland mehr zählt.

LITZKA: Wir müssen aber zum Beispiel auch die Erwerbsbeteiligung der Frauen erhöhen und dafür sorgen, dass weniger Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen. Und auch die Schüler, die einen Abschluss mit schlechten Noten haben, müssen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Kurz gesagt: Wer als Unternehmer denkt, es wird schon irgendwie gehen, weil es immer schon gegangen ist, wird nicht weit kommen. Wer bei der Entwicklung einer attraktiven Unternehmenskultur stehen bleibt, hat schon verloren, weil andere an ihm vorbeiziehen werden.

Welche Rolle spielen Faktoren wie Geschlecht, ethnische Herkunft und Bildung beim demografischen Wandel?

DEMEL: In Deutschland leben viele gut ausgebildete Ausländer, deren Heimatabschlüsse aber bei uns nicht anerkannt werden. Deshalb gelten sie bei uns als Ungelernte und arbeiten oft als Helfer. Bei der Anerkennung von deren Abschlüssen gibt es viel zu tun, denn wenn diese Menschen hier adäquat beschäftigt werden könnten, wäre wieder ein Schritt zur Behebung der Fachkräftelücke getan. Dieses Thema ist gerade für Augsburg enorm wichtig, leben hier doch 16 Prozent ausländische Büger, im Bundesdurchschnitt sind es nur 9,5 Prozent. Aber die Bundesregierung hat ein Gesetz zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse auf den Weg gebracht, das im kommenden Jahr in Kraft treten könnte. Darüber hinaus ist jetzt schon die sogenannte Vorrangprüfung für Humanmediziner und Ingenieure der Fachrichtungen Maschinen- und Fahrzeugbau sowie Elektrotechnik abgeschafft.

LITZKA: Die Welt ist kleiner geworden und das spüren wir auch im Allgäu. Wir werden uns noch mehr öffnen müssen und erkennen, dass die Vielfalt der Ethnien, der Abschlüsse, der Herkunft und der beruflichen Erfahrung ein Gewinn für unsere Gesellschaft ist und zur Linderung der Auswirkung des Bevölkerungsrückganges beitragen kann.

Welche Rolle spielen Branche, Betriebsgröße und Alter der Führungskräfte bei der Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit dem demografischen Wandel auseinanderzusetzen?

DEMEL: Das alles sollte keine Rolle spielen. Das Thema trifft uns alle.

LITZKA: Ich sehe hier die großen Betriebe in der Industrie besser aufgestellt als kleinere Unternehmen im Handwerk und in Dienstleistungsunternehmen. Die Bereitschaft und die Fähigkeit, diese entscheidenden Zukunftsfragen anzugehen, sind sicher überall vorhanden – allerdings ist das Problembewusstsein noch nicht bei allen Unternehmern vorhanden.

In welchem Umfang gibt es Verbindungen zu anderen aktuellen Personalthemen wie „Work- Life-Balance“ oder „Familienfreundlichkeit“?

DEMEL: Nur wenn in der Familie alles in Ordnung ist, kann ich mich auch voll auf meine Arbeit konzentrieren. Um seine Beschäftigten und damit seine Fachkräfte im Betrieb zu halten, genügt meiner Ansicht nach nicht mehr nur eine attraktive Bezahlung, da braucht es mehr, zum Beispiel die Möglichkeit, das Kind mit in die Arbeit zu nehmen, wenn die Betreuung kurzfristig ausfällt, oder in einem Betriebskindergarten unterzubringen, die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten usw. Die Agentur für Arbeit Augsburg hat in dieser Hinsicht bereits viel unternommen. Wir haben ein Eltern-Kind-Zimmer, in dem der Vater arbeiten und das Kind spielen kann, oder es besteht die Möglichkeit, für eine bestimmte Dauer die Arbeitszeit zu reduzieren, um sich einem kranken Angehörigen zu widmen. Inzwischen haben wir uns zudem auditieren lassen und tragen das Zertifikat „Beruf und Familie“.

LITZKA: Das sind zentrale und wichtige Bausteine für ein zukunftsfestes Unternehmen. Zunehmend wichtiger wird daneben auch sein, die Arbeit für die älteren Beschäftigen so zu gestalten, dass sie der Arbeitswelt möglichst lange zur Verfügung stehen, zum Beispiel durch auf das Alter abgestimmte Arbeitszeitmodelle, flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, von Schichtarbeit zu anderen Tätigkeiten mit regelmäßiger Arbeitszeit tagsüber zu wechseln.

Kommen auf das Personalmanagement vor diesem Hintergrund neue Aufgaben zu?

DEMEL: Die Firmen sind bei diesem Thema auch schon mittendrin und versuchen, den Familien und ihren Arbeitszeitwünschen stärker entgegenzukommen. Aber da wird sich in Zukunft noch viel mehr tun. Da bin ich mir sicher.

LITZKA: Mir fällt in diesem Zusammenhang das betriebliche Eingliederungsmanagement ein. Das heißt, dass Mitarbeitern, die längere Zeit erkrankt waren, die Gelegenheit geboten wird, gemeinsam mit den Personalverantwortlichen auszuloten, wo krank machende Einflüsse am Arbeitsplatz sind und wie diese künftig vermieden werden können. Im Ergebnis kann die Lösung von einfachen Maßnahmen wie der Umgestaltung des Arbeitsplatzes bis hin zu alternativen Beschäftigungsangeboten im Unternehmen führen. Und der Mitarbeiter spürt nebenbei, dass er seinem Arbeitgeber am Herzen liegt und er ihm wichtig ist.

Wandelt sich das Personalmanagement vom Umgang mit „betreuten Köpfen“ zum Umgang mit dem „betreuten Inhalt der Köpfe“?

DEMEL: Der Kopf der Mitarbeiter sollte in Zukunft im Zentrum der Personalentwicklung stehen. Es sollte stärker im Fokus sein, ob der Mitarbeiter die Tätigkeit noch ausführen kann oder ob eine andere besser seinen Fähigkeiten entspricht. Die berufliche Qualifizierung sollte einen stärkeren Fokus bekommen.

LITZKA: Die Qualifikation der Beschäftigten ist der Schlüssel für die Zukunft und jede gesellschaftliche Anstrengung wert. Aber auch auf familiäre Gegebenheiten sollte stärker Rücksicht genommen werden. Und nicht zuletzt auf die Gesundheit – ohne die bekanntlich nichts wert ist.

Wie kann die Agentur Unternehmen bei der Aufgabe „demografischen Wandel beherrschen“ helfen?

DEMEL: Wir nehmen den Unternehmen zum Beispiel mit unserem Arbeitgeber-Service die Personalvorauswahl ab. Gerade kleine Unternehmen können sich keine eigene Personalabteilung leisten. Das macht der Chef häufig in Personalunion. Wir bieten Unternehmen bei der Einstellung älterer Beschäftigter an, einen Eingliederungszuschuss in Höhe von 50 Prozent des Arbeitsentgelts zu zahlen.

LITZKA: Zunächst sehe ich die Aufgabe der Arbeitsagenturen darin, die Unternehmen darüber aufzuklären, was auf sie zukommen wird. Die ersten Veranstaltungen zu dieser Problematik haben wir im Allgäu vor etwa zehn Jahren durchgeführt. Jetzt kommt die Problematik langsam stärker ins Bewusstsein. Aber bei aller Unterstützung, die wir als Arbeitsagentur finanziell und durch Beratung leisten: Der demografische Wandel ist ein Prozess, der die gesamte Gesellschaft herausfordert. Hierzu tragen wir als Arbeitsagentur für unseren Bereich bei. Aber wir werden nur im Schulterschluss aller gesellschaftlichen Kräfte den demokratischen Wandel beherrschen können.

Wer das Problem erste heute angeht: Wie viel Zeit bleibt noch?

DEMEL: Der demografische Wandel hat bereits eingesetzt. Man muss das Thema jetzt angehen. Denn das Arbeitskräftepotenzial wird sich bis zum Jahr 2025 um 6,5 Millionen verringern. Wenn ich mir für Augsburg das Durchschnittsalter der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten anschaue, so erkenne ich, dass sich das Durchschnittsalter von 37,9 im Jahr 2000 auf 39,9 im Jahr 2010 erhöht hat. Des Weiteren ist festzustellen, dass inzwischen ein Viertel aller Beschäftigten zwischen 45 und 54 Jahren ist, vor zehn Jahren betrug deren Anteil nur ein Fünftel.

LITZKA: Demografische Prozesse laufen sehr langsam ab. Das scheint auf den ersten Blick beruhigend, kann sich aber fatal auswirken, wenn die Weichen nicht rechtzeitig gestellt werden. Ich nehme positiv wahr, dass die Politik das Problem erkannt hat und nach Lösungsansätzen sucht. Das Problem ist komplex. Es gibt leider nicht den einen Königsweg. Ich bin mir sicher: Wir können den Wandel schaffen, aber wir haben keine Zeit zu verlieren.