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Frage: Der Zeitarbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das Instrument ZA ist heute stärker etabliert in Deutschland als je zuvor. Wo sehen Sie aktuell die Trends und Treiber?
Thieg: Wachstum, Wandel der gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die zunehmende Geschwindigkeit waren und sind die Treiber des Zeitarbeitsmarktes in 2010 und 2011. In 2010 konnten viele Unternehmen die Verluste aus dem Krisenjahr 2009 wieder nahezu ausgleichen. So sind die in der Lünendonk-Studie befragten Unternehmen um durchschnittlich 37,8 Prozent von 2009 auf 2010 gewachsen – nach einem vehementen Rückgang in 2009. Die Top 10 konnten im Geschäftsjahr 2010 sogar um durchschnittlich 41,8 Prozent zulegen. Denn während die großen Anbieter im Jahr 2009 besonders stark von den Auftragsrückgängen ihrer großen Kunden-Unternehmen betroffen waren, konnten sie im Jahr 2010 wieder überproportional wachsen. Ob dieses Wachstum beibehalten werden kann, ist aufgrund der aktuell wieder unsicheren wirtschaftlichen Aussichten ungewiss.
Wie steht es aktuell um die Rahmenbedingungen für den Zeitarbeitsmarkt?
Thieg: Neben den Dauerthemen wie beispielsweise der geplanten Einführung des Mindestlohnes oder Equal Pay ist in der Zeitarbeitsbranche eine Zunahme der Geschwindigkeit hinsichtlich der Mitarbeiterrekrutierung, ihrer Vermarktung und die Geschwindigkeit für organisatorische Veränderungen erkennbar. Gerade in der Phase des Wiederaufschwungs war die Fähigkeit, die Organisation schnell auf das Wachstum einzustellen, von besonderer Bedeutung. Die Rekrutierung ist jedoch inzwischen aufgrund des Bewerberengpasses zu einem Wachstumshemmnis geworden.
Was bedeutet diese Entwicklung für Unternehmen, die Zeitarbeit in Anspruch nehmen?
Thieg: Die Zahl der Kundenanfragen, die nicht bedient werden kann, steigt an. Zudem gilt: Je höher und/oder spezieller das gesuchte Qualifikationsniveau sein soll, desto kleiner wird die Zahl der infrage kommenden Zeitarbeitnehmer. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, muss mehr in Weiterbildungsmaßnahmen investiert werden. Hier sind auch die Kundenunternehmen gefordert.
Sind die Vorteile, die die Zeitarbeits-Branche verspricht, wirklich so große und messbar? Wie viel Eigenleistung muss ein Unternehmen bei Planung und Steuerung erbringen, um diese Vorteile wirklich nutzen zu können?
Thieg: Die große Stärke der Zeitarbeits-Unternehmen ist nach wie vor – neben der Flexibilität – die Geschwindigkeit, mit der der geeignete Zeitarbeitnehmer für den Bedarf beim Kunden gefunden wird. Die Tatsache, dass Zeitarbeit verstärkt in den Unternehmen zum Einsatz kommt, zeigt den Erfolg dieses Modells.
Von der Überlassung zur Übernahme: Welchen Stellenwert hat der „Klebeeffekt“ wirklich?
Thieg: Hierzu sind die Meinungen und Ansichten sehr unterschiedlich. Auch die Angaben, wie hoch die Zahl der Zeitarbeitnehmer ist, die von einem Kunden übernommen werden, schwanken in der öffentlichen Diskussion und sind auch für die Zeitarbeits-Unternehmen zum Teil schwer messbar, weil Übernahmen häufig nicht Bestandteil der ersten Verhandlungen zum Einsatz waren. Jedoch werden entsprechende Übernahmevereinbarungen inzwischen regelmäßiger Bestandteil der Verträge. Aus unserer aktuellen Lünendonk-Studie geht hervor, dass durchschnittlich 20,4 Prozent der Zeitarbeitnehmer zum Auftraggeber-Unternehmen im Jahr 2010 wechselten.
Mindestlohn, Entsendegesetz, Tarifverträge: Die Zeitarbeits-Branche arbeitet hart an einem ehrenwerten Image. Wie weit sind diese Bemühungen gediehen?
Thieg: Die Einführung eines Mindestlohns für die Zeitarbeits-Branche ist beschlossen. Die Auswirkungen, die mit dem Wegfall der Beschränkung zur Arbeitnehmerfreizügigkeit verknüpft waren, fielen moderat aus. Da Märkte wie England oder Irland seit Jahren wesentlich offener und attraktiver hinsichtlich Zeitarbeit sind, kam es nicht zu der von vielen erwarteten „Flut“ an Zeitarbeitnehmern aus Osteuropa.
Der Markt ist dominiert von einigen ganz großen Anbietern und sehr, sehr vielen kleinen und mittleren Firmen. Die Großen sind eher Generalisten, die Kleinen Spezialisten. Was bedeutet das für den Wettbewerb - und was hat der Kunde davon?
Thieg: Die Existenz von Generalisten und Spezialisten wird es in der Zeitarbeits-Branche, sowie auch in anderen B2B-Dienstleistungs-Märkten wohl immer geben. Beide Arten haben ihre Vor- und Nachteile und werden auch von den Kundenunternehmen unterschiedlich nachgefragt. Im Bereich der Spezialisierungen stehen gerade die großen Anbieter-Unternehmen vor der Herausforderung, dass Wachstumsraten in den Spezialisierungen aufgrund von komplexeren und damit oft auch längeren Rekrutierungsprozessen nicht mit dem „Massengeschäft“ mithalten können, so dass diese klassischen Zeitarbeitssegmente in einer Wachstumsphase wieder das Hauptaugenmerk der Aktivitäten erhalten. Marktanteile werden in den Jahren 2010 und 2011 besonders in den Segmenten der einfachen Industrie-Services sowie den Facharbeitertätigkeiten gewonnen oder verloren. Gleichzeitig müssen die Bereiche der Spezialisierungen im Markt oft mit Themen-Spezialisten konkurrieren, die nicht als „Zeitarbeits-Unternehmen“ positioniert sind, sondern als Beratungs- oder Dienstleistungs-Unternehmen.
Welche Kriterien helfen einem Kundenunternehmen, den richtigen Zeitarbeits-Anbieter zu finden und zu erkennen?
Thieg: Die Anforderungen unterscheiden sich nach den jeweiligen Gegebenheiten in den Unternehmen. Zu den wichtigen Kriterien gehören üblicherweise u.a.:
Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie als Marktbeobachter in nächster Zeit?
Thieg: Es zeichnet sich ab, dass ab einer gewissen Größenordnung von ca. 900.000 Zeitarbeitnehmern eine Verlangsamung des Marktwachstums eintritt. Auf der einen Seite wird die so genannte „stille Reserve“, hiermit sind Langzeitarbeitslose gemeint, mobilisiert, um den Bedarf zu decken. Auf der anderen Seite sind mit der Mobilisierung dieser Langzeitarbeitslosen hohe Kosten verbunden, um diese wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren und das kann die Zeitarbeit als Branche nicht alleine leisten.
Spielt das Internet auch eine Rolle?
Thieg: Hier zeigt sich in der Tat eine weitere Entwicklung bei der Ansprache und Mobilisierung „passiv suchender“ Kandidaten. Soziale Netzwerke wie Linkedin oder Xing werden immer effektiver als Plattformen für die Kandidatensuche und Kandidatenansprache eingesetzt. Insbesondere für die Personalvermittlung dürften die sozialen Netzwerke zukünftig von besonderer Bedeutung sein, weil hier ganz gezielt die so genannten „passiv suchenden“ Kandidaten angesprochen werden können.
Zum Unternehmen:
Die Lünendonk GmbH legt seit dem Jahr 1999 jährlich ein Ranking der führenden Anbieter im deutschen Markt vor. Die Lünendonk-Listen gelten als anerkanntes Markt-Barometer – bei Medien, Anbieter- und Anwender-Unternehmen gleichermaßen. Die ebenfalls jährlich durchgeführte Lünendonk-Studie „Führende Zeitarbeits- und Personaldienstleistungsunternehmen in Deutschland“ analysiert wichtige Veränderungen am Anbietermarkt und beleuchtet die Herausforderungen, denen sich die Anbieter von Zeitarbeit und Personaldienstleistungen zukünftig stellen müssen.