Folge 29: Dr. h.c. Helmut O. Maucher, Nestlé AG

„Tue Recht und scheue niemand“

101 Köpfe | 10.05.2011

Dr. Helmut O. Maucher
Dr. Helmut O. Maucher

Dr. Helmut Maucher, Ehrenpräsident der Nestlé AG über "Leichen" im Keller und was er Angela Merkel gerne bei einem Kaffee sagen würde. Maucher blickt zurück auf über 60 Jahre Berufsleben und verrät, warum noch nicht an Ruhestand zu denken ist.

Alter: 83 Jahre
Position: Ehrenpräsident Nestlé AG
Hobbies: Interesse für alles, was auf der Welt politisch, wirtschaftlich und technologisch geschieht, Golf, klassische Musik, Geschichte.

Sie sind sprichwörtlich auf der Karriereleiter emporgestiegen. Erst Generaldirektor von Nestlé in Deutschland, dann Chef des internationalen Nestlé Konzerns und gleichzeitig Präsident in Vevey (Schweiz). Würden Sie rückblickend irgendetwas anders machen?

Nein.

Chef und Präsident zur gleichen Zeit. Gab es damals bestimmte Herausforderungen, denen Sie sich in dieser Doppel-Position stellen mussten?

Nach Schweizer Recht ist es möglich, dass man Chef des Unternehmens und Präsident des Verwaltungsrates gleichzeitig ist. In diesem Fall waren zwei Dinge wichtig: Erstens: Ein Präsidium des Verwaltungsrates, das kompetent und unabhängig war, um im Falle von Fehlverwalten des Mannes in dieser Doppelfunktion konsequent zu handeln. Und zweitens war es außerdem wichtig, einen Nachfolger aufzubauen, der sofort hätte übernehmen können, wenn mir etwas passiert wäre.

Heute sind Sie Ehrenpräsident des Nestlé Konzerns. Neben zahlreichen Vorträgen und Gremien-Tätigkeiten schreiben Sie derzeit an Ihrem dritten Buch. Ist an den „wohlverdienten Ruhestand“ noch gar nicht zu denken?

Solange man gesund, geistig präsent und neugierig ist auf das, was in der Welt geschieht, muss man aktiv bleiben. Allerdings ohne operative Verantwortung zu übernehmen und auch weniger intensiv als früher.

Auf welche Leistung sind Sie in Ihrem bisherigen Leben besonders stolz?

Dass man bis jetzt keine Leichen im Keller gefunden hat und meine damalige Auswahl und Förderung von Führungskräften sich auch heute noch positiv auf Nestlé auswirkt.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Es gibt keine einzelne herausragende Eigenschaft, sondern die Wirkung meiner Person als Ganzes.

Was ist die herausragendste Erfahrung, die Sie aus der Führungsetage von Nestlé mitnehmen?

Dass man Kollegen und Mitarbeitern Wissen vermitteln kann, sie motivieren und ermutigen kann, aber dass leider die selbstgemachten Erfahrungen nicht übertragen werden können.

Aufgewachsen sind Sie im Allgäu. Was macht das Allgäu aus Ihrer Sicht wirtschaftlich besonders?

Die Qualität, der Realitätssinn und die Mentalität der Leute, die geographische Mitte in der heutigen globalisierten Welt (zwischen Fernost und Amerika) und die Tatsache, dass man heute auch von der „Provinz“ aus jederzeit mit dem Netz verbunden sein kann.

Hätten Sie die Chance, sich mit Angela Merkel auf einen Kaffee zu treffen – was würden Sie ihr gerne sagen?

Ich würde Sie gerne bitten, mit weniger vordergründigem Opportunismus zu regieren und mehr nach der Devise zu handeln: „Tue Recht und scheue niemand“.

Welche drei Wünsche möchten Sie sich gerne noch erfüllen?

• Dass meine ganze Familie, vor allem die Enkel, gesund bleiben und eine gute Zukunft haben.

• Dass das Allgäu bei allen modischen und irrationalen Strömungen vernünftig und realistisch bleibt und sich damit positiv weiterentwickelt.

• Dass meine Frau und ich bei guter Gesundheit noch eine gute Anzahl von Jahren vor uns haben.

Welche Allgäuer Persönlichkeiten haben Ihrer Meinung nach Vorbildcharakter und warum?

Wenn Sie das Wort „Vorbild“ durch besondere Wertschätzung meinerseits ersetzen, erwähne ich die folgenden Namen:

1. Carl Hirnbein, der den entscheidenden Beitrag leistete, um das Allgäu seinerzeit von der Leinenweberei auf die Milchwirtschaft umzustellen. (Hierbei ist auch der bekannte Allgäuer Schriftsteller Peter Dörfler zu erwähnen, der die Geschichte des Allgäus und den außerordentlichen Beitrag für die Umwandlung des Allgäus durch Carl Hirnbein sehr treffend geschildert hat.)

2. Aus der heutigen Zeit möchte ich Herrn Fäßler erwähnen, der aus kleinen Anfängen sein Hotel weiterentwickelt und in die Top-Hotellerie geführt hat und damit auch einen großen Beitrag zur touristischen Entwicklung des Allgäus geleistet hat.

3. Auch den Politiker Theo Waigel möchte ich nennen, der neben seiner erfolgreichen politischen Tätigkeit vom Charakter, der Persönlichkeit und seiner allgemeinen Bildung her meine besondere Wertschätzung hat, und der darüber hinaus auch im schwäbisch-bayerischen Raum in vieler Hinsicht positiv gewirkt hat.

Was ist entscheidend für die Entwicklung eines Menschen? Genetik oder Erziehung und Umwelt?

Beides ist wichtig, aber die Genetik scheint wichtiger zu sein als man es nach Meinung von vielen Intellektuellen und in den von Ideologie geprägten Diskussionen in den letzten hundert Jahren wahrhaben wollte.

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