Dr. Dominique Görlitz

Was wir von den frühen Kulturen über unsere eigene Anpassungsfähigkeit lernen können

Experimentalarchäologe und 5 Sterne Redner Dr. Dominique Görlitz. Foto: privat
Wer sind wir? Woher kommen wir? Und wohin wird unsere Reise gehen? Mit solchen Ur-Fragen beschäftigt sich Dr. Dominique Görlitz, Experimentalarchäologe und 5 Sterne Redner, um aus der Vergangenheit wichtige Tendenzen für die Gegenwart und Zukunft abzuleiten.

Im Zentrum meiner Forschungen, die ich auch in meinen Vorträgen thematisiere, stehen außerdem die technischen und intellektuellen Fähigkeiten der frühen Hochkulturen. Ich will mit meinen Seereisen nicht nur herausfinden, wer die wahren Entdecker Amerikas waren, sondern vielmehr, was wir aus der Geschichte der frühen Völker ableiten und auf unsere heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen übertragen können. 

Der Technologie- und Erkenntnisfortschritt hat mittlerweile rasante Fahrt aufgenommen. Erfolge in der Humangenetik, Quantenphysik oder Nanotechnologie machen Hoffnung auf bisher ungeahnte Möglichkeiten des Menschen. Sie können aber auch zu Konflikten und Ängsten führen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, die Menschen mitzunehmen, um ihnen die Zusammenhänge und Konsequenzen dieser Veränderungsprozesse klarzumachen. 

Begriff „Tradition“ zu Unrecht eher negativ besetzt

Daher braucht es einen offenen Diskurs über die bisherigen Werte in Wirtschaft und Gesellschaft – und gleichzeitig müssen wir auch darüber sprechen, wie unsere Lebenswelten zukünftig aussehen sollen. Diese gesellschaftliche Auseinandersetzung wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, den Menschen die wahre Bedeutung von Tradition auf der einen Seite und Innovation auf der anderen Seite richtig zu erklären. Hier kommt Führungskräften in Unternehmen eine tragende Rolle zu. Woher sonst sollen Mitarbeiter auch wissen, wie die Zukunft aussehen soll, wenn sie nichts über die Vergangenheit wissen? 

Der Begriff „Tradition“ ist insbesondere in der jüngeren Bevölkerung inzwischen eher negativ besetzt. Für sie klingt nach maroden, längst überholten Prozessen. Das stimmt aber so nicht. Tradition ist nämlich nicht die Weitergabe der Asche, sondern des Feuers. Deshalb ist es unbedingt notwendig, wichtige progressive Schlüsselfaktoren zu bewahren und sogar zu schützen. Vieles aus unserer täglichen Lebenswelt gehört dazu, beispielsweise in Sachen Bildung, Technik oder Verkehrswesen. 

Auf der anderen Seite stehen rasante Neuentwicklungen wie die der Digitalisierung, welche es so in den vergangenen Jahrzehnten nicht gab. Sie wird praktisch alle Bereiche der Gesellschaft völlig umkrempeln. Innovation ist nämlich nicht die Erfindung von Neuem, wie viele glauben, sondern die Vernichtung von Altem! 

Nur wer neu denkt, erreicht echtes Wachstum

Die alten Ägypter sind im Ringen um Fortschritt und Zukunft gescheitert. Als ein steinernes Zeugnis dieses gesellschaftlichen Kampfes ragen seit über 4.500 Jahren die Großen Pyramiden von Gizeh in den Himmel. Jene fast 150 Meter hohen Bauwerke mahnen uns zu erkennen, wie hoch entwickelt diese frühe Kultur in Bereichen wie Bautechnologie, Materialwissenschaften und Transportwesen tatsächlich war. Angesichts der über 2,5 Millionen präzise gefertigten Kalkbausteine sowie der über 100 und mehr als 60 Tonnen schweren Granitblöcke im Inneren der Cheops-Pyramide kann dieses Bauwerk nicht von einer technisch völlig unterentwickelten Sklavenhaltergesellschaft erbaut worden sein. In der nur 150 Jahre währenden Epoche der so genannten 4. Dynastie im alten Ägypten waren derart innovative Prozesse am Werk, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten. Und dennoch hat dies den alten Ägyptern nichts genutzt, denn mit dem Erlöschen der 4. Dynastie verschwanden auch ihre revolutionären Bautechniken. Die Kardinalfrage wird sein, wie wir im 21. Jahrhundert mit dieser Gegensätzlichkeit von Alt und Neu umgehen werden. 

Aus diesem Grund ist der Erforschung der Geschichte der frühen Hochkulturen bedeutsam. Sie liefert uns schlüssige Antworten auf wichtige Fragen, die auch für die moderne Gesellschaft von hoher Relevanz sind. Und genau hier setze ich an, wenn ich Unternehmen berate: Die Zivilisationen des Altertums sind nicht am Mangel an Einfallsreichtum oder am Fehlen von Erkenntnissen gescheitert. Vergangene Gesellschaften waren nicht überlebensfähig, weil sie nicht in der Lage waren, ihr konventionelles Denken sowie ihre gesellschaftlichen Normen und Werte an neue Bedingungen anzupassen. Der Schlüssel zur Bewältigung unserer heutigen umfassenden Veränderungen liegt daher nicht im Fortschreiben und Beschleunigen bestehender Prozesse und Strukturen, sondern im Ausbrechen aus ebendiesen Mustern. Nur wer neu denkt, erreicht echtes und ein tatsächliches nachhaltiges Wachstum. Der Mittelstand und das Handwerk sind hier genauso betroffen wie große Konzerne. 

Die Geschichtsschreibung kann ohne jedes Werturteil ein klares Bild skizzieren, was mit Zivilisationen passiert, die diesen Wandel nicht rechtzeitig oder nur unvollkommen absolvieren. Sie werden von innovativeren und leistungsfähigeren Gesellschaften eingeholt und gehen früher oder später unter. Deshalb ist es für die Zukunft unserer Gesellschaft zwingend erforderlich, sich diesem Wandel zu stellen und dabei allen Beteiligten die wahre Bedeutung von Tradition und Innovation zu vermitteln. Bleibt zu hoffen, dass wir endlich unser Wissen über Vergänglichkeit menschlicher Kulturen anwenden und beide gesellschaftlichen Kräfte in Balance halten.  

Über Dominique Görlitz: 

Dr. Dominique Görlitz ist Experimentalarchäologe und 5 Sterne Redner. In selbst gebauten  Schilfbooten unternahm er zahlreiche Expeditionen, darunter eine Atlantik-Überquerung 2007. Die New York Times nannte ihn den „deutschen Indiana Jones“, der versucht, auf einem Strohballen den Nordatlantik zu überqueren. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass das innovative Potential der Menschheit in der Frühzeit höher war als heute allgemein angenommen wird. In seinen außergewöhnlichen Vorträgen zeigt er, was die Wirtschaft in den Bereichen Umgang mit Veränderungen und Teambuilding lernen kann.

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