Stefan Jenzowsky

Disruption ist keine Frage des Delegierens, sondern Chefsache

Foto: Stefan Jenzowsky
Disruption – die FAZ kürte diesen Begriff 2015 zum Wort des Jahres unter Deutschlands Geschäftsleuten. Gemeint ist damit eine neue Technologie, die eine ganze Branche in Bedrängnis bringt.

Das Thema kam jedoch keinesfalls erst mit der Digitalisierung auf, wie fälschlicherweise oft angenommen wird. Im Gegenteil - für Unternehmer müsste es selbstverständlich sein, das eigene Geschäftsmodell immer wieder zu hinterfragen. Die Formel lautet also: „Disrupt your own business“. Das ist Chefsache. Doch die Realität zeigt, dass Firmenlenker diese wichtige Aufgabe zunehmend delegieren, an eigens neue geschaffene Positionen wie den CDO (Chief Disruption Officer).

Bezeichnenderweise sagte kürzlich der CDO von GM und Vorstand der DSAG, Otto Schell, in einem Interview: „Die digitale Transformation läuft oft in die falsche Richtung, Unternehmen müssen jenseits der Technologie vom Business her denken. Unser altes Business gilt es nicht nur effizienzorientiert mit Automatisierung & Co. zu optimieren, sondern vor allem auf eine neue Logik auszurichten." Das betrifft in immer höherem Maße auch den Bereich Personal.

Der Human-Resources-Markt wird sich grundlegend verändern

Die Auswirkungen digitaler Disruption auf Human Resources werden stark unterschätzt. Die Ursache hierfür ist nach meinen Beobachtungen, dass sich der HR-Markt noch immer wie ein Käufermarkt verhält, also eine gefühlte Machtposition beim einstellenden Unternehmen herstellt. Das entspricht aber nicht mehr der Realität. Digitale Plattformen wie z. B. Mint verändern bereits heute die Regeln von Märkten durch Digitale Disruption. So kann eine digitale Plattform sich wie meine persönliche Einkaufsabteilung verhalten und etwa mich als Kunden an den Anbieter mit den geringsten Preisen versteigern.

Im Silicon Valley kann man die Zukunft des Recruiting heute schon erahnen: Im Kampf um hochbezahlte Spezialisten zählt bei einem Arbeitgeber wie Facebook nicht nur das Gehalt, sondern auch die entspannte und fröhliche Arbeitsumgebung, zusätzliche Anreize wie z.B. zeitlich umfassende Kinderbetreuung, moderne Fitnesseinrichtungen, gesundes Essen (oft kostenfrei), reichlich Parkplätze (mit Elektroladesäulen), kostenlose Shuttledienste und eine Campusstruktur mit Freizeitangeboten (einer Universität nicht unähnlich) sowie ein spannendes Forschungsprogramm mit sozialer Verantwortung und ambitionierten Zielen geben den Ausschlag dafür, wo man arbeiten möchte.

Wir befinden uns bereits mitten im „War for talents“

Ähnliche Mechaniken werden in Zukunft auch im hiesigen HR-Markt Einzug halten. Digitale Plattformen und digitale Agenten, die der Logik eines Anbietermarktes folgen, also z.B. einen Arbeitnehmer für 12 Monate meistbietend versteigern, werden den HR-Markt grundlegend verändern.

Big Data wird auch das Recruiting verändern. So ist es beispielsweise heute schon möglich, lebenslang stabile Persönlichkeitseigenschaften („traits“) sowie temporäre Belastungszustände („states“) aus einem 15-minütigen Mitschnitt eines Telefongesprächs zu extrahieren. Wir verwenden solche Technologien bereits erfolgreich bei Auswahlgesprächen. Damit ist klar: Der ‚War for talents‘ ist schon lange eröffnet.

Über den Autor: Stefan Jenzowsky

Innovativ und inspirierend: Stefan Jenzowsky ist Experte für neue zukunftweisende Geschäftsmodelle und Produkte. Bereits zu Beginn seiner Karriere im Management holte er sich seine Inspiration direkt aus dem Silicon Valley, begleitete mehrere Startups erfolgreich in ihrer Entwicklung und ist Praktiker durch und durch. Seine langjährige Dozententätigkeit an verschiedenen Universitäten macht ihn außerdem zu einem erfahrenen und faszinierenden Redner. Der Praktiker ist überzeugt: Ohne kreative Disruptionen gibt es keine Weiterentwicklung.

Artikel teilen
nach oben