Allgäuer Landräte im Interview

Landrat Klotz: „Für ein gutes Jobangebot muss man nicht in die Metropolen ziehen“

Landrat Anton Klotz. Foto: Landratsamt Oberallgäu
Der Bedarf nach qualifizierten Fachkräften nimmt stetig zu. Gerade im Pflegebereich fehlt es an Personal. Wie der Landkreis Oberallgäu darauf reagiert und was die Region sonst bewegt, verrät Landrat Anton Klotz im Interview mit unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Landrat, in welchen Branchen spüren Sie den Fachkräftemangel am meisten und warum?

Landrat Anton Klotz: Sicherlich gibt es große Engpässe in der Pflege. Das resultiert auch aus häufig schlechter Bezahlung in Verbindung mit sehr belastenden Arbeitssituationen. Andererseits ist Fachkräftemangel heutzutage nahezu über alle Branchen hinweg deutschlandweit ein großes Problem.

Wie geht der Landkreis Oberallgäu damit um?

Wir haben uns schon lange mit der Allgäu GmbH und allen vier Allgäuer Landkreisen sowie den zugehörigen kreisfreien Städten zusammengetan. Gemeinsam wollen wir den Wirtschaftsstandort Allgäu stärken. Dabei sind wir zum Beispiel mit Partnern aus der Wirtschaft auf Jobmessen in München oder Stuttgart präsent. 2018 werden wir auch wieder die „Freiraummesse“ in Memmingen durchführen. Hier wollen wir vor allem junge, gut ausgebildete Leute aus der Region ansprechen. Wir wollen ihnen zeigen: Für ein gutes Jobangebot muss man nicht in die Metropolen ziehen. Denn auch im Allgäu gibt es sehr attraktive Arbeitgeber mit lukrativen Stellen. Desweiteren bauen wir gerade einen „Online-Fachkräftewegweiser“ auf. Dieser bündelt allgäuweit alle Beratungsmöglichkeiten und Anlaufstellen, die für einen Arbeitnehmer, der neu zu uns kommt, wichtig sein können – egal, ob es um Wohnung, Kinderbetreuung oder Schulangebote geht.

„Online“ ist ein gutes Stichwort: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen durch die Digitalisierung in Ihrem Landkreis?

Grundsätzlich ist die Digitalisierung in allen Lebens- und Arbeitsbereichen nicht aufzuhalten. Sie wird insbesondere immer mehr Formen der modernen Arbeitsorganisation mit sich bringen. Auf diesem Wege muss man die Menschen mitnehmen und aufzeigen, welche Chancen Digitalisierung bietet. Wir werden in allen Branchen – egal ob Handwerk, Industrie oder Dienstleistungen – deutliche Veränderungen erleben. Menschenleere Betriebe wird es dadurch aber nicht geben.

Welche Chancen bringt der digitale Wandel?

Mit dem Projekt „Allgäu Digital“ entsteht derzeit ein Allgäuer Gründerzentrum in Kempten sowie ein regionales Kooperationsnetzwerk. Auch die Stadt Sonthofen hat ein Digitalisierungs-Netzwerk mit Allgäuer Unternehmen ins Leben gerufen. Bei beiden Initiativen geht es darum, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern – mit viel Platz für Ideenschmiede, Austausch und Entwicklungs-Möglichkeiten.

Für welche Unternehmen ist die Digitalisierung besonders herausfordernd?

Bei uns im Oberallgäu sind es sicher auch gerade die kleineren Handwerksbetriebe, denen es manchmal nicht leicht fällt, Ressourcen für die Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse aufzubringen. Hier soll das Förderprogramm „Digitalbonus“ der Bayerischen Staatsregierung Abhilfe schaffen. Das Programm wird 2018 mit weiteren finanziellen Mitteln aufgestockt. Damit werden Unternehmer unterstützt, um beispielsweise in entsprechende IT-Sicherheit zu investieren.

Wie verändert die Digitalisierung den Tourismus?

Die Digitalisierung birgt speziell in der Tourismusbranche viel Potential, um eine sehr enge und qualitativ gute Gästebeziehung aufzubauen – durch individuelle, personalisierte Ansprache des Gastes. Davon können sowohl die Gäste wie auch die Region profitieren. Mit unserer elektronischen Gästekarte – der Allgäu-Walser-Card – und dem Netzwerk aus Orten, Gastgebern und Ausflugszielen sind bereits jetzt sehr gute Voraussetzungen geschaffen, um die Digitalisierung im Tourismus erfolgreich voranzutreiben. Die neuen digitalen Services werden dann aus dem Allgäu-Walser-Card-System den persönlichen Reisebegleiter, Tagesplaner, Echtzeit-Tippgeber und Ticketshop machen. 

Welches Projekt im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bewegt die Menschen im Oberallgäu am meisten?

Die Überlegungen zu einer Regionalbahn zwischen Kempten und Oberstdorf, die wir vor zwei Jahren wieder aufgegriffen haben. Dabei geht es um einen dichteren Taktverkehr der Bahn und mehr Haltepunkte auf der Strecke sowie eine optimalere Anbindung ins Kemptener Stadtzentrum. Wir erstellen hierzu gerade eine Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse spätestens Ende des Jahres vorliegen sollen. Zudem dürfen wir auch eine gute ÖPNV-Anbindung mit Bus und Bahn vom Allgäu-Airport Memmingen ins Oberallgäu nicht aus den Augen verlieren.

Welche Bedeutung nimmt der ÖPNV für Pendler ein?

Ich hoffe, dass das Jobticket, dass wir im nördlichen Landkreis seit Frühjahr gemeinsam mit der Stadt Kempten anbieten, sukzessive von immer mehr Pendler angenommen wird. Es ermöglicht erhebliche Kostenvorteile, wenn der Weg zur Arbeit nicht mehr mit dem Auto, sondern dem öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt wird.

Außerdem planen wir mit unserer Nahverkehrsgesellschaft „mona“ allgäuweite Tickets mit einheitlicher Tarifstruktur anzubieten. Hierfür erfolgt gerade eine Ausweitung der mona in das südliche Oberallgäu. Mit dem Ostallgäu führen wir hierzu auch bereits Gespräche.

Welche Infrastrukturprojekte sind derzeit geplant?

Der Ausbau und Erhalt der Kreisstraßen im Oberallgäu steht im ständigen Fokus des Landkreises. Alleine im Jahr 2017 werden rund 18 Millionen Euro investiert. Als Mitglied des Zweckverbandes Berufliches Schulzentrum Kempten (Allgäu) beteiligt sich der Landkreis auch an den anstehenden umfangreichen Sanierungsmaßnahmen der Schulen. So soll bis 2019 die FOS/BOS erweitert werden. Und darüber hinaus engagieren wir uns bei den Investitionen in die Sport-Infrastruktur zur Nordischen Ski-WM 2021 in Oberstdorf.

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