Kommentar

Allgäuer Infrastruktur-Projekte: Es ist fünf vor zwölf

Symbolbild. Foto: iStock / PatrickPoendl
Die Zukunft unserer Region hängt wesentlich an einer leistungsstarken Infrastruktur. Die Allgäuer Verkehrskonferenz signalisiert, dass dafür eine bessere Vernetzung im System nötig ist. Dafür braucht es freie Fahrt – sofort.

Auf dem Weg blinkt ein Zwei-Euro-Stück. Zwei Menschen sehen es. Der eine, erfreut vom Glanz und von der in Aussicht stehenden Bereicherung seines Lebens, freut sich. Der andere erkennt den Dreck, in dem die Münze liegt, und findet’s zum Grausen. Es gehört zu den unumgänglichen Lerneffekten im Leben, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Verlockung und Abschreckung, Chance und Risiko sind mitunter kaum voneinander zu trennen.

Genauso ist es mit der Verkehrssituation im Allgäu. Ein geschätzter Wirtschaftsstandort, ein attraktiver Arbeitsplatz, ein vorzüglicher Lebensraum, ein 1A-Feriengebiet – das macht den Menschen Freude. Auch denen, die (noch) nicht hier leben. Weshalb die Zahl derer wächst, die daran ihren Anteil haben wollen. Damit wächst der Verkehr und damit nehmen auch die Lasten zu, die alle zu tragen haben. Die einen mehr, die anderen weniger. Weil man das Allgäu – auch im Sinne derer, die heute dort leben – nicht von heute auf morgen unattraktiv machen darf, bleibt nichts anderes übrig, als die Entwicklung in die Hand zu nehmen, zu managen.

Die Allgäuer Verkehrskonferenz hat diese Woche richtigerweise den einzig vernünftigen Ansatzpunkt für diese Aufgabe in den Mittelpunkt gerückt: die ganzheitliche, schlüssige und intelligente Vernetzung der Verkehrsträger. Der Zeitpunkt ist richtig gewählt: Während in den Anfängen der Telematik nur Insellösungen denk- und machbar waren, stehen heute, erstmals in der Geschichte, auf breitestmöglicher Ebene leistungsfähige Informations- und Kommunikationsmittel zur Verfügung, um alle einzubinden und um allen eine Dienstleistung anzubieten. Wo ein Smartphone, da intelligente Mobilität.

Es darf aber auch kein Tag mehr vergehen, um mit der Realisation dieser Vernetzung zu beginnen. Sonst durchkreuzen andere Entwicklungen die Pläne. Dauerhaft und unwiderruflich. Wir sehen das gerade in der Landeshauptstadt München, wo einst in weiser Voraussicht Trassen gedacht, geplant und freigehalten wurden, um bei anhaltendem Wachstum großräumigen Großstadtverkehr (neu) zu gestalten. Weil dann die Flächen für andere Zwecke viel opportuner erschienen als behutsame Vorsorge, wurde die „Flächenrücklage“ aufgelöst. Jetzt fehlt es an „Mobilitäts-Dispo“.

Allein wenn wir nachrechnen, wie lange die Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Lindau schon als nötig erachtet, aber offenbar als disponibel immer wieder vertagt worden ist, erkennen wir das Schneckentempo, das wir uns bisher bei der Infrastruktur geleistet haben. Immer unter der Annahme, dass wir uns heute schon noch irgendwie durchwurschteln und es bis morgen noch lange ist. „Noch lange“ ist aber, ehrlicherweise, gleichbedeutend mit „nicht leichter“. Die Rechnung für die Untätigkeit in der Vergangenheit zahlen wir jetzt – und sie fällt nicht vorteilhaft aus.

Bayerns Innen- und Verkehrsstaatssekretär Gerhard Eck hat in Kempten gesagt: „Die Verkehrsinfrastruktur ist die Lebensader einer jeden Volkswirtschaft. Investitionen in unsere Verkehrswege sind die Grundlage unserer Wettbewerbsfähigkeit und unseres Wohlstands.“ Die Betonung liegt auf „uns“, nicht auf „ich“. Wenn „wir“ also an den Verkehr im Allgäu denken, dann gehören auch jene dazu, die in 20, 30 oder 40 Jahren ausbaden müssen, was heute unerledigt bleibt. Wir können uns vieles leisten, aber das nicht.             

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