Gast der Redaktion

„Wie stark konkurriert Augsburg mit München, Martin Sailer?“

Landrat Martin Sailer zu Gast in unserer Redaktion. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Der Wirtschaftsstandort Augsburg wächst. Doch wie kann der Landkreis seine Potenziale am besten nutzen? Und wie reagieren die Gemeinden auf die Schattenseiten, welche dieses Wachstum mit sich bringt? Das verrät Landrat Martin Sailer im Gespräch mit unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Sailer, spürt der Landkreis schon heute den Flächendruck?

Martin Sailer: Im Bereich Wohnen ist weniger die Fläche das Problem als das Tempo, in dem der zusätzliche Wohnraum benötigt wird. Im gewerblichen Bereich spüren wir den Flächendruck nur bei wirklich großen Projekten. Hier mussten wir zuletzt einem Unternehmen aus der Logistik-Branche absagen. Denn die angefragten Flächen standen in der nötigen Größenordnung nicht mehr zur Verfügung. Es gibt aber nach wie vor viele Anfragen, über alle Branchen hinweg. Stand Anfang August sind bei uns so viele Bauanträge eingegangen wie im gesamten letzten Jahr. Das ist aber ein Gesamtwert, bezieht sich also auf Wohnen und Gewerbe.

Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Wir sind eine Wachstumsregion. Wir profitieren von unserer eigenen Stärke, aber auch von der Nähe zur Landeshauptstadt. Die enge Konzentration wird langsam zum Nachteil für München. Denn sowohl für Unternehmen als auch für Fachkräfte wird der Flächendruck dort immer größer. Im Landkreis Augsburg gibt es hingegen noch mehr Platz für Wachstum. Das wird sich so schnell auch nicht ändern, weshalb wir eine Wachstumsregion bleiben werden.

Konkurrieren Augsburger und Münchner Unternehmen heute schon um dieselben Flächen?

Nein, denn die Anforderungen der Unternehmen sind in der Regel sehr unterschiedlich. Ein Mittelständler braucht beispielsweise eine andere Fläche als ein Konzern. Es kommt zwar vor, dass sich mehrere Firmen in verkehrsgünstigen Lagen wie entlang der A8 oder der B17 ansiedeln wollen. Noch können wir bei nahezu jeder Standortfrage mehrere Alternativen anbieten. Aber dass ein Unternehmen aus München und eines aus dem Landkreis um dieselbe Fläche geboten und wir keine einvernehmliche Lösung gefunden haben – ich glaube nicht, dass es diesen Fall schon einmal gegeben hat.

Landrat Martin Sailer (rechts) im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN Landrat Martin Sailer (rechts) im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

 

Das derzeit wichtigste Projekt des Landkreises ist die Umwandlung des Zentralklinikums in eine Uniklinik. Was wird sich dadurch verändern?

Die Uniklinik wird gewaltige Veränderungen mit sich bringen. Dies gilt vor allem in unmittelbarer Nähe zur Fakultät, also in Gersthofen, Neusäß und Stadtbergen. Dabei wird sich die neue Uniklinik auf die Infrastruktur, den Wirtschaftsstandort sowie den Wohnungs- und Arbeitsmarkt auswirken.

Wie bereitet sich der Landkreis auf diese Veränderungen vor?

Gemeinsam mit den Kammern und weiteren Partnern erstellen wir derzeit ein Gutachten, um diese Auswirkungen zu visualisieren. So können wir den Bedürfnissen entgegensteuern und uns auf das einstellen, was am Standort passiert. Die Uniklinik bringt großes Potenzial, doch die Gemeinden müssen dieses auch für sich zu nutzen wissen. Noch haben die Kommunen die Chance, Akzente zu setzen und ihre Profile zu schärfen. Auch die Infrastruktur muss mitwachsen, um die Hauptverkehrsadern stärker zu entlasten. Dazu müssen wir wichtige Projekte wie die Ortsumfahrung Diedorf/Vogelsang oder die Osttangente umsetzen.

Also ist es nicht zwingend von Vorteil, eine Wachstumsregion zu sein?

Doch. Wachstumsregion zu sein, birgt Herausforderungen, doch auch positive Seiten. Wir erwarten uns viele neue Impulse, gerade durch die neue Uniklinik. Es gibt andere Landkreise in Bayern, die verlieren jedes Jahr Mitbürger. Dieses Problem haben wir glücklicherweise nicht.

Dennoch spielt der Fachkräftemangel eine zunehmende Rolle.

Das stimmt, dieses Thema kommt bei fast jedem Firmenbesuch zur Sprache. Für viele Unternehmen wird es zunehmend schwieriger, Fach- und Nachwuchskräfte zu gewinnen. Wir versuchen, hier auf verschiedenen Kanälen und mit mehreren Partnern entgegenzuwirken. Zudem ist die Anzahl der Beschäftigten von 2008 bis 2016 im Landkreis Augsburg um über 23 Prozent gestiegen.

Welche Strategie verspricht Ihrer Meinung nach den meisten Erfolg?

Wichtig ist, dass wir den Menschen zeigen: Es lohnt sich, in unserer Region zu leben und zu arbeiten. Auch Schulpartnerschaften und Weiterbildungsmöglichkeiten sind enorm wichtig, um Mitarbeiter frühzeitig und langfristig ans Unternehmen zu binden. Es müssen eine ganze Reihe von Faktoren ineinandergreifen, um entsprechend entgegenwirken zu können. Es gibt kein Patentrezept gegen den Fachkräftemangel. Vielmehr kommt es darauf an, die Klaviatur breiter zu spielen, als dies früher der Fall war. Darauf stellen sich viele Unternehmen inzwischen ein.

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