Gast der Redaktion

„Können nur große Kliniken überleben, Markus Funk?“

Markus Funk, Direktor der Hessing Stiftung. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Von Gesundheitsreformen gejagt, von Patienten überrannt: Deutsche Kliniken müssen sich verändern, um wirtschaftlicher agieren zu können. Wie sich die Hessing Stiftung auf diesem turbulenten Markt aufstellt, erklärt Direktor Markus Funk beim Besuch in unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Funk, die Krankenhauslandschaft befindet sich im Wandel. Was steckt dahinter?

Markus Funk: Es stimmt, die Krankenhauslandschaft ist in den letzten zehn bis 15 Jahren kaum zur Ruhe gekommen. Auf der politischen Ebene jagt eine Gesundheitsreform die nächste. Auch die Finanzierungssysteme haben sich verändert, ebenso wie die Patientenstruktur. Letzteres liegt am demografischen Wandel, der gleichzeitig den Fachkräftemangel befeuert. Die Hessing Kliniken sind bisher verschont geblieben, doch wir machen uns nichts vor: Irgendwann wird der Fachkräftemangel auch uns erreichen.

Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Wir etablieren derzeit einen eigenen Bereich Personalentwicklung. In der Vergangenheit war das nicht nötig, da es immer ausreichend gute Bewerber für offene Stellen gab. Doch der Fachkräftemangel wird ein großes Thema für uns werden. Darum wollen wir schon heute gezielt gute Mitarbeiter finden und auch halten. Wir bieten viele Sozialleistungen sowie Weiterbildungsangebote und Programme, um Familie und Beruf miteinander zu vereinen. Diese wollen wir weiter ausbauen und unsere Angebote auch verstärkt nach außen kommunizieren.

Viele Kliniken berichten von einem zunehmenden finanziellen Druck. Wie groß ist das Problem wirklich?

Das ist ganz unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab – beispielsweise davon, welche Weichen in der Vergangenheit gestellt wurden. Aber auch die Rahmenbedingen spielen eine große Rolle. Die Hessing Stiftung erlebt derzeit einen Preisverfall in der Orthopädie. Das bedeutet, dass wir für die gleiche Leistung weniger Geld bekommen als im letzten Jahr. Gleichzeitig steigen die Materialkosten immer weiter.

Wie kann man sich den Preisverfall bei einer medizinischen Leistung vorstellen?

Es gibt für jede Diagnose einen Punktwert, der die Schwere der Erkrankung festlegt. Dieser wird wiederum mit dem  Landesbasisfallwert multipliziert, der jedes Jahr neu verhandelt wird. Am Ende steht der Preis in Euro, den wir für unsere Leistung bekommen.

Dieser Kalkulation liegen die Echtdaten verschiedener Krankenhäuser zugrunde. Wenn ein Teil dieser Kliniken geringere Kosten hat, weil beispielsweise die Einkaufspreise besser oder die Personalkosten niedriger sind, dann sinkt die Bewertung der Leistung. Das Resultat ist, dass wir für dieselbe medizinische Leistung weniger Geld bekommen als noch im vergangenen Jahr. Für die kommenden Jahre erwarten wir, dass sich dieser Trend verstärken wird.

Wie reagieren Sie darauf?

Eins ist klar: Die Lösung kann nicht sein, dass unsere Mitarbeiter immer mehr arbeiten müssen, um diesen Preisverfall aufzufangen. Vielmehr wollen wir unsere Prozesse verbessern. Dafür werden wir künftig verstärkt auf digitale Systeme setzen. In der Hessingpark-Clinik gibt es schon heute einen papierlosen Workflow. Diesen wollen wir auch im orthopädischen Fachkrankenhaus etablieren. Wir versprechen uns davon deutlich weniger Bürokratie, mehr Effizienz und eine schlankere Organisation.

Und wie profitieren Patienten vom „digitalen Krankenhaus“?

Die Kommunikation wird sich stark verbessern. Das wird den Krankenhausaufenthalt wesentlich angenehmer und planbarer machen. Mithilfe digitaler Endgeräte können Personal und Patienten schneller über veränderte Abläufe informiert werden – beispielsweise, wenn eine Operation aufgrund eines Notfalls kurzfristig verschoben werden muss. Schnell und verlässlich informiert zu werden, ist wichtig, denn es schafft Vertrauen.

Andere Krankenhäuser setzen auf Fusionen, um sich wirtschaftlich stärker aufzustellen. Ist das die beste Chance für Kliniken?

Eine Fusion hat in der Tat häufig Vorteile. Wenn man beispielsweise Krankenhäuser in regionale Verbünde zusammenschließt, spürt man sehr schnell positive Effekte in den sekundären und tertiären Bereichen: Man kann Verwaltungen, Küchen, Einkaufsabteilungen, Lager, Apotheken und Labore zusammenlegen. Schwieriger wird es, diese Effekte zu erzielen, wenn man auf das Kerngeschäft – nämlich die stationäre Medizin – blickt.

Was aber tatsächlich für einen Zusammenschluss regionaler Krankenhäuser spricht: Bei der medizinischen Qualität kommt es häufig auf Routine an. Diese kann jedoch nur entstehen, wenn dieselbe Operation häufig durchgeführt wird. Eine erfolgreiche Fusion muss aus meiner Sicht solche medizinischen Synergien bringen. Für die Hessing Stiftung selbst steht das derzeit jedoch nicht auf der Agenda.

Ist es also ein Trugschluss, dass „groß, größer, am größten“ den wirtschaftlichen Erfolg bringt?

Entscheidend ist, zu sehen, dass Größe relativ ist. So zählt die Hessing Stiftung nicht viele Betten. Aber wir führen jährlich mehr orthopädische Operationen durch als die beiden Münchner Universitätskliniken zusammen. Wir sind hochspezialisiert und gehören mit über 10.000 Operationen im Jahr zu den Top drei der orthopädischen Fachzentren in Deutschland. Das ist eine starke Leistung und ein solides Fundament, auf dem wir weiter aufbauen wollen.

Markus Funk (rechts) mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN Markus Funk (rechts) mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Rebecca Weingarten / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

 

Über die Hessing Kliniken

Zu den Hessing Kliniken gehören acht Fachabteilungen sowie je eine Rehabilitations-Klinik für Orthopädie und für Geriatrie und die Hessingpark-Clinic. Letztere hat ihren Schwerpunkt im Bereich der Versorgung von Spitzensportlern und privatärztlichen Leistungen. Zur Stiftung gehören außerdem eine eigene Orthopädie- und Schuhtechnik mit Sanitätshaus, ein Therapiezentrum und das Hessing Förderzentrum für Kinder und Jugendliche. Trägerin der Kliniken ist die Hessing Stiftung mit dem Schwerpunkt im Großraum Augsburg. Sie beschäftigt rund 1.400 Mitarbeiter. Im Jahr 2018 feiert die Stiftung ihr hundertjähriges Bestehen.

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