Gast der Redaktion: Michael Brecht

Startups in Schwaben: „Scheitern ist eine reale Option“

Michael Brecht. Foto: Rebecca Weingarten / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Michael Brecht, selbst mehrfacher Gründer, gibt im Gespräch mit unserer Redaktion einen Einblick in die lokale Startup-Szene. Dabei kritisiert er auch, dass das Digitale Gründerzentrum Schwaben bisher an den falschen Enden investiert.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Brecht, wenn Sie an erfolgreiche Startups der letzten Jahre aus Bayerisch-Schwaben denken, wer fällt Ihnen da spontan ein?

Michael Brecht: Little Lunch ist hier sicherlich ein gutes Beispiel. Hier war die Kombination aus Online-Vertrieb und dem Auftritt in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ sehr erfolgreich. Aber auch Boxcryptor hat sich bewiesen. Gegründet von Studenten der Universität Augsburg, beschäftigt das Unternehmen heute rund 30 Mitarbeiter und bietet weltweit Software-Lösungen an.

Was haben diese Gründer richtig gemacht?

Beide Unternehmen haben sich auf ihre Kern-Kompetenzen fokussiert und dem Kunden dabei einen Nutzen geboten. Das ist ein wichtiges Merkmal vieler Startups, die heute erfolgreich sind. Am Anfang steht immer eine gewisse Unzufriedenheit mit einem Service oder Produkt. Für dieses Problem wird dann eine Lösung gefunden, die oftmals auf digitalen Wegen umgesetzt wird.

Sie sagten im „Hörsaal der Löwen“, dass es in Augsburg zu wenig Gründer gibt. Was haben Sie damit gemeint?

Unter den 140.000 bei der IHK Schwaben registrierten Unternehmen sind deutlich weniger Startups als in vergleichbaren anderen IHK-Bezirken, wie beispielsweise in Köln. Dort gibt es fünfmal mehr Startups als im Gebiet der IHK Schwaben. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig.

Zuletzt gab es auch viele gute Ansätze, um die Startup-Szene in Schwaben zu stärken. Einer davon ist das digitale Gründerzentrum – eine wirklich tolle Idee. Leider wurden bisher rund 80 Prozent der Fördergelder in Beton gesteckt. Dies ist aus meiner Sicht höchst bedauerlich. Denn die eigentliche Schwierigkeit besteht doch darin, die Startup-Kultur zum Laufen zu bekommen. So wird diese wichtige Aufgabe weiter nach hinten verschoben. Es wird viel Zeit verschwendet, die wir so schnell nicht aufholen können.

Viel besser wäre es daher gewesen, das vorhandene Geld von Anfang an in Netzwerk-Aktivitäten zu investieren. Nicht nur für die Startups, auch für die etablierten Unternehmen wäre das wichtig. Denn gerade in der „Innovation Factory“ spüren wir deutlich, wie groß hier der Hunger nach Innovationen ist.

Wenn der Bedarf nach Innovationen in der Wirtschaft so groß ist: Wie reagiert die „Innovation Factory“ darauf?

Wir wollen digitalen Startups helfen, zu wachsen. Dazu bieten wir ihnen einen Schreibtisch in unseren Räumlichkeiten in der Hübnerstraße, direkt am Bahnhof, an. Dabei verzichten wir bewusst auf Einzelbüros. Vielmehr geht es uns darum, Raum für Innovations-Kraft schaffen. Außerdem bringen wir die Startups mit bereits etablierten Kooperations-Partnern zusammen.

Aus Ihrer Erfahrung: Woran scheitern denn die meisten Startups?

Viel wichtiger ist doch die Frage: Was funktioniert? Zunächst einmal braucht jedes Startup ein komplementäres Gründer-Team. Das können beispielsweise ein Kaufmann, ein Techniker und jemand fürs Kreative sein. Als Nächstes ist es wichtig, dass die Zielgruppe verstanden wurde. Und schließlich gilt das, was die Amerikaner „Think Big“ nennen: Wenn das Modell funktioniert, muss das Startup in der Lage sein, in kurzer Zeit schnell zu wachsen.

Was sind die größten Stress-Faktoren, auf die sich junge Gründer einstellen müssen?

Startups haben in der Regel nur Geld für die nächsten sechs Monate. Diesem finanziellen und auch psychischen Druck muss man gewachsen sein. Das Aussuchen des Gründer-Teams ist deshalb ein sehr wichtiger Schritt. Scheitern ist eine reale Option. Mit diesem Gedanken sollten die Gründer umgehen können. Investoren gehen beispielsweise davon aus, dass von zehn bis zwölf Startups, in die sie ihr Geld stecken, zwei erfolgreich sind. Die anderen werden aufgekauft, zusammengelegt oder geschlossen.

In den USA, dem weltweit größten Markt für Startups, wird mit diesem Risiko viel lockerer umgegangen. Zu scheitern zieht keinen Karriere-Knick mit sich. In Deutschland wird da noch viel konservativer gedacht.

Sie sind selbst mehrfacher Gründer. Was ist Ihr aktuellstes Projekt?

Mein Team und ich haben einen Blog zur E-Mobilität gestartet. Denn was die Energie-Wende angeht, entwickelt sich derzeit ein anderes Mindset in den Köpfen der Nutzer. Immer mehr Menschen wollen aktiv daran teilhaben. Bisher ist es jedoch leider so, dass viele davon ausgehen, dass ein E-Auto zu teuer ist, dass die Reichweite nicht ausreicht und dass es zu wenige Ladestellen gibt. Dabei passiert in allen drei Bereichen derzeit sehr viel. Allein was Sortimo derzeit im Landkreis Augsburg plant, ist fantastisch. Gemeinsam mit anderen Startups wollen wir dieses wirklich spannende Thema mit viel Leidenschaft voranbringen.

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