Kommentar

Jamaika: Was Urlaubsplanung und Regierungsbildung gemein haben

Symbolbild. Foto: iStock / Bicho_raro
Von der Wirtschaft könnte die Politik lernen, wie man ergebnisorientiert führt – und dass das Festhalten an ideologischen Prinzipien Flexibilität und Innovation ausbremst.

Großer Familienrat. Urlaubsplanung fürs nächste Jahr. Papa möchte in die Berge, Mama ans Meer. Die Jüngste möchte unbedingt ihre fünf BFFs mitnehmen, für den Mittleren kommt nur ein Ort in Frage, „wo ich mega chillen kann“. Der Älteste hat keinen Bock und will zuhause bleiben. Die Diskussionen ziehen sich hin, es kommt zu Gruppen- und Grüppchenbildungen, Forderungen kommen auf den Tisch und verschwinden wieder. Das Argument „Wer zahlt, schafft an“ wird vom Tisch gewischt, Phantasie und Wunschdenken entwickeln sich zu ideologischen Bollwerken. Am Ende fährt die Familie über den Fernpass (Berge!) nach Rimini (Meer!), die Jüngste hat eine Auslands-Flatrate für den Nonstop-BFF-Kontakt und der Mittlere hat die Playstation-Freigabe und neue Kopfhörer. Der Älteste leiht sich mit Kumpels einen Bully und macht eine Tour nach Estland.

So ähnlich geht es wohl dieser Tage bei Koalitionsvorgesprächen und -verhandlungen in Berlin zu. Anders, als der Name „Jamaica“ erwarten lässt, wird dabei heiße Luft weniger inhaliert als ausgeatmet. Viel Energie fließt außerdem in Mobilität beim „vorsichtigen Annähern“ und „grundsätzlichen Distanzieren“. Weil zwischendrin mögliche Entscheidungen immer wieder mal mit, wahlweise, der Basis/dem Ehrenvorsitzenden/den Menschen draußen/dem Zeitgeist abzugleichen sind, kann sich der Vorgang hinziehen. In Holland haben sie gerade 200 Tage dafür gebraucht. Ziemlich lange, wenn man bedenkt, dass es nicht zu mehr gereicht hat als zu einem Kompromiss, der bei der nächsten Wahl wieder hinfällig ist.

Was daran stört – und worüber „lernende Unternehmen“ mit „kundenorientierten Prozessen“ und „Denken vom Ergebnis her“ nur den Kopf schütteln können – sind die genannten „ideologischen Bollwerke“. Wer heute am Markt bestehen will, der hat dieses „Das haben wir immer schon so gemacht“ genauso überwunden wie das „Auf keinen Fall stimme ich zu, weil die Idee nicht von mir ist“. Dort ist das „Kommt überhaupt nicht in Frage“ längst dem „Wir schaffen das“ gewichen, während sich die Politik noch fleißig in Abgrenzung der Lager übt. Parteiprogramme mögen zur Selbstfindung und als Orientierungshilfe im Wertewandel hilfreich sein, zum Führen eines Gemeinwesens taugen sie so wenig wie die Sprüche des Firmengründers von Anno Tobak.

Das haben im Übrigen die Väter des Grundgesetzes genauso gesehen. Im Artikel 21 steht der Satz „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Davon, dass die Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland nach parteipolitischen Grundsätzen zu erfolgen hätte, ist nirgendwo die Rede. Genauso wenig wie, leider, vom gesunden Menschenverstand oder der ökonomischen Vernunft. Beides ist in der öffentlich gern gescholtenen Wirtschaft schon längst weit entwickelt. Sogar die Idee vom „demokratischen Unternehmen“ findet immer mehr Anhänger, weil Führungskräfte verstehen, dass sie auf diesem Weg weiter kommen als in unflexiblen Hierarchien oder im erstarrten Gerüst von Ideologien. Jamaica und Rimini dagegen sind, aus gutem Grund, Privatsache.         

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