Gast der Redaktion

Interview: „Wird die neue Uniklinik zum Problem, Herr Thiel?“

Andreas Thiel, Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH. Foto: Iris Zeilnhofer / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Wie sich der Wirtschaftsstandort Augsburg durch die neue Uniklinik verändert und welchen Einfluss dies auf das Image der Stadt hat, verrät Andreas Thiel, Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH, im Gespräch mit unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Thiel, wie wird sich die Medizinische Fakultät auf Augsburg auswirken?

Bisher können wir hierzu lediglich Vermutungen anstellen. Wir rechnen mit mehreren hundert Mitarbeitern und rund 1.500 Studierenden. Sehr viele weitere belastbare Fakten gibt es kaum. So spüren wir beispielsweise schon heute den Fachkräftemangel in den sozialen und medizinischen Berufen. Wir müssen davon ausgehen, dass sich dieser verstärken wird. Aber um negativen Effekten entgegenwirken und positive befeuern zu können, brauchen wir zuverlässige Daten. Deshalb startet die IHK Schwaben mit unseren Partnern voraussichtlich in den kommenden Wochen eine Studie, welche die Auswirkungen der Uniklinik auf die Region untersuchen soll. Finanziert wird diese Studie von der Stadt Augsburg, den Landkreisen Augsburg und Aichach-Friedberg, der Industrie- und Handelskammer Schwaben und der Handwerkskammer für Schwaben. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 60.000 Euro. Erste Ergebnisse wollen wir gemeinsam Anfang 2018 vorstellen.

Auch wenn Ihnen aktuell noch keine konkreten Zahlen vorliegen: Welche wirtschaftlichen Impulse erwarten Sie durch die Uniklinik?

Derzeit gehen wir davon aus, dass in der Region etwa eine Milliarde Euro investiert werden. Dieses Geld wird vorrangig in Bau und Ausstattung fließen. Davon werden sicherlich viele Dienstleister aus der Region profitieren. Außerdem rechnen wir damit, dass sich neue Firmen im Wirtschaftsraum Augsburg ansiedeln werden, die von der Nähe zur Uniklinik profitieren.

Andreas Thiel im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Iris Zeilnhofer / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN Andreas Thiel im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Iris Zeilnhofer / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

 

Welche Unternehmen werden das sein?

Das hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Medizinische Fakultät entwickelt. Die beiden Bereiche Medizin-IT (Medical Information Sciences) und Umweltmedizin (Environmental Health Sciences) stehen als Schwerpunkte bereits fest. Doch wie sich die Fakultät konkret ausrichtet, lässt sich erst im Laufe der Zeit sagen. Es kommt hier beispielsweise darauf an, welche Professoren die jeweiligen Schlüsselstellen besetzen und wie sie ihre Schwerpunkte festlegen. Aktuell gehen wir davon aus, dass sich verschiedene Hightech-Betriebe gründen oder ansiedeln werden. Somit werden neue, hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Das würde auch die Kaufkraft in der Region steigern.

Wichtig ist, dass nicht jede Kommune für sich einen Weg sucht. Die Akteure müssen gemeinsame Lösungen finden.
Andreas Thiel

Dies bringt aber auch Herausforderungen mit sich, zum Beispiel beim Thema Wohnraum…

Ja, das ist richtig. Vor allem in der Nähe der Uniklinik werden viele Kommunen davon betroffen sein – gerade Neusäß, Stadtbergen und der Westen des Landkreises Augsburg. Für manche kann der starke Zuzug ein Gewinn sein, wenn dadurch beispielsweise wichtige Infrastruktur entsteht oder erhalten bleibt. Für andere kann dies ein großes Problem werden, wenn die Preise für Wohnraum weiter steigen. Wichtig ist, dass nicht jede Kommune für sich einen Weg sucht. Die Akteure müssen gemeinsame Lösungen finden.

Wie wird sich die Infrastruktur rund um die Uniklinik weiterentwickeln müssen?

Auch dies lässt sich nach der Durchführung der Studie besser belegen. Erst dann wird es belastbare Zahlen zur Entwicklung von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Wohnraumbedarf geben. Sicherlich werden zusätzliche Plätze in Schulen und Kitas entstehen müssen. All dies wirkt sich natürlich auf die Verkehrssituation aus. Unter anderem ist eine Verlängerung der Straßenbahnlinie im Gespräch. Schon heute genaue Angaben zu machen, wäre jedoch zu spekulativ.

Durch die Ansiedlung von Spitzentechnologien ändert sich das Gesicht der Stadt. Wie wirkt sich das konkret aus?

Das Image der Stadt erhält in der Tat Rückenwind. Um neue Fachkräfte nach Augsburg zu holen, wirkt die Medizinische Fakultät wie ein wissenschaftlicher Leuchtturm. Dabei ist sie als einer von vielen wichtigen Mosaik-Steinen zu sehen: Im selben Atemzug sind beispielsweise auch weiche Standortfaktoren wie die Naherholungsgebiete oder der FC Augsburg zu nennen. Viele solcher Bausteine verhelfen der Region zu einem wirtschaftlichen Höhenflug. Sie stehen für hohe Lebensqualität und attraktive Arbeitsbedingungen. Ein Standort, der sich so stark entwickelt wie Augsburg, vermittelt: Es gibt hier Perspektiven, auch noch für nachfolgende Generationen. Das ist enorm wichtig.

Welche Themen werden die Stadt in den nächsten Monaten und Jahren außerdem beschäftigen?

Wir müssen den Produktions-Standort Augsburg weiterentwickeln. In vielen Bereichen gibt es noch immer Nachholbedarf. In diesem Zuge wollen wir auch unser Regionalmanagement neu aufstellen. Der Antrag für die nächste dreijährige Förderphase läuft bereits. Ziel ist, die Region noch wettbewerbsfähiger zu machen. Wir wollen künftig noch verstärkt Netzwerke zusammenbringen, gerade in den Bereichen Wohnen, Fachkräftesicherung und Arbeiten unter den Vorzeichen der Digitalisierung, sozusagen „Arbeit 4.0“. So können wir den Standort nachhaltig nach vorne bringen und fit für die Zukunft und neue Großprojekte machen.

Weitere Artikel zum Gleichen Thema
nach oben