Im Gespräch mit Stefan Atzkern

Interview: Vermittlung praktischer Fertigkeiten auf Industriestandard

Stefan Atzkern, Leiter Bildungszentrum Augsburg. Foto: IHK Akademie Schwaben
Im gewerblich-technischen Bildungszentrum Augsburg-West der IHK Akademie Schwaben bringen die Qualifizierungen in den Technologie-Centern und die Umschulungen Arbeitssuchende wieder in Arbeit. Stefan Atzkern leitet das große Bildungszentrum mit 400 Schulungsplätzen in Augsburg an der Ulmer Straße seit 2010.

Mit Bildungsgutscheinen finanzieren Arbeitsagenturen und Jobcenter neue berufliche Chancen. Eine Förderung ist auch über die Deutsche Rentenversicherung oder den BFD möglich, die Umschulungen und die modularen Qualifizierungsbausteine können aber auch von Selbstzahlern und Unternehmen gebucht werden.

Herr Atzkern, das Bildungszentrum wirbt mit dem Slogan „Qualifizieren auf Industriestandard“. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? 

Wir haben in unseren Werkstätten durch die Bank Maschinen, Anlagen und Software im Einsatz, wie sie auch aktuell in den Unternehmen vorkommen. Praktische Fertigkeiten, beispielsweise im CNC-Bereich, werden an modernen Bearbeitungscentren erworben, die bei Klein, -Mittel und Großbetrieben stehen. Wir investieren jährlich einen sechsstelligen Betrag in die Ausstattung, um mit den Entwicklungen in den Unternehmen mitzuziehen. Wenn die Unternehmen vermehrt Industrie 4.0 realisieren und Produktentwicklung, Produktion, Logistik unter Einbindung des Kunden in die Geschäftsprozesse intelligent vernetzen, bereiten wir uns darauf vor, die notwendigen digitalen Schlüsselkompetenzen zu qualifizieren.

Nach einer Vermittlung unserer Teilnehmer in Arbeit übernehmen diese Aufgaben in der Produktion an den gleichen Anlagen, die sie bei uns bis ins kleinste Detail kennengelernt haben. Sicherlich ein Geheimnis unserer hohen Vermittlungsquoten in Arbeit. 

Verraten Sie uns noch mehr Ihrer Geheimnisse? 

A & O sind natürlich Ausbilder mit hoher fachlicher, didaktischer und sozialpädagogischer Kompetenz, die ihrer Vorbildwirkung tagtäglich gerecht werden. Unsere Teilnehmer lernen handelnd, subjektorientiert und erfahrungsbezogen und erwerben die nötigen Fertigkeiten, um selbstständig unterschiedliche Probleme und Aufgabenstellungen im späteren Arbeitsalltag bewältigen zu können. Insbesondere im Werkstattunterricht spielt der Projektgedanke die maßgebende Rolle. Praxisnahe Arbeitsaufträge als Transportmedium für Lerninhalte sind lebensnah, schaffen Problembewusstsein, fördern interdisziplinäres Denken, Selbstständigkeit und Kooperationsbereitschaft der zukünftigen Facharbeiter. Sie finden als Einzelarbeit, Kleingruppenaufgabe und Klassenprojekte statt. 

Viel Praxis und Theorie büffeln spielt dann keine Rolle? 

Bei der projektorientierten Ausbildung erfolgt die detaillierte Stellung der Arbeitsaufgaben durch den Ausbilder. Er bereitet Projekte vor, definiert welche Kriterien ein End-Produkt erfüllen muss, legt mit dem Einzelnen bzw. einer Gruppe einen Abgabe-Termin fest und teilt gegebenenfalls Partner oder Arbeitsgruppen ein. Am Ende erfolgt die gemeinsame Ergebnisauswertung als Feedbackgespräch. Flankiert werden die Projekte von Phasen des Instruktionslernens, wo im klassischen Fachunterricht die Bezüge zur Theorie hergestellt werden, Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten herausgearbeitet und entsprechende Übungen durchgeführt werden.

Der Ausbilder steht als Lernberater und Supervisor bei Planung und Durchführung zur Verfügung, fördert eigenständige Lernprozesse und Verantwortlichkeit, unterstützt mit geeigneten Fragestellungen bei Fehleranalyse und Erarbeitung alternativer Vorgehensweisen. Insofern ist die Unterrichtsarbeit immer ein dynamisches Geschehen und die Auswahl der Lerninhalte erfolgt entlang der Fragestellungen, die sich bei der Herstellung des vereinbarten Handlungsprodukts im Projektverlauf ergeben. Experimentieren und Erkunden ist erwünscht und falls es Gruppenprozesse erfordern, ist adhoc die Veränderung eines geplanten Ablaufs erlaubt. 

Sie verlangen viel von Ihren Ausbildern? 

Ja, und wir geben uns große Mühe bei der Auswahl unserer Ausbilder, die alle ein hohes Maß an Praxiskenntnissen mitbringen müssen. Bei der Einarbeitung können Sie sich jederzeit Unterstützung bei den Abteilungsleitern und dem Leiter für den Bereich Ausbildungsbetrieb holen.

Die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in der geförderten Bildung ist weitgehend abhängig von der Qualität der pädagogischen Arbeit, und diese wird wesentlich bestimmt durch die Qualifikation der Ausbilder. Qualifikation ist hier im umfassenden Sinne zu verstehen, geht es doch um die persönliche Ausstrahlung, die soziale Kompetenz, das fachliche Know-how, das pädagogisch-psychologische Wissen und Können und die didaktischen Fähigkeiten der Ausbilder. In regelmäßigen Schulungen können die Ausbilder ihre Arbeit reflektieren und sich neue Anregungen für die Unterrichtstätigkeit holen. 

Wie kann ich mir eine Schulung für Ihre erfahrenen Praxis-Ausbilder vorstellen? 

Aktuell haben fast 20 meiner Ausbilder das Siegel „Zertifizierter Berufsausbilder“ der IHK-Ausbilderakademie Bayern verliehen bekommen. Diese haben, über ein Jahr verteilt, 60 Unterrichtsstunden zu neuen pädagogischen Ansätzen und zu den psychologischen Hintergründen der Lernenden und von Lehrgangsgruppen – in ihrer Freizeit – absolviert, die genauso praxisorientiert waren, wie die Qualifizierungen in meinem Haus. Inhaltlicher Schwerpunkt waren Gruppenprozesse und Konflikte. Wenn mir meine Ausbilder am Ende der Qualifizierung die Rückmeldung geben, dass sie sich jetzt sicherer bei Interventionen gegenüber der Lehrgangsgruppe oder in 4-Augen-Gesprächen mit einzelnen Teilnehmern fühlen, haben wir genau das Richtige gemacht. Nach der Qualifizierung sind meine Ausbilder nach eigener Einschätzung gestärkt, durch das vertiefte Wissen zu den persönlichen Hintergründen noch besser auf die Teilnehmer mit meist schwierigen Lebens- und Berufskarrieren eingehen zu können. Es freut mich auch, dass ich die hohe Ausbildungsqualität des Hauses jetzt auch durch aktuelle Ausbilder-Zertifikate dokumentieren kann. 

Verfügt Ihr Haus über ein zertifiziertes Qualitätsmanagement-System? 

Das Bildungszentrum Augsburg-West ist als Bestandteil der IHK Akademie Schwaben Arbeit und Bildung GmbH nach DIN ISO 9001:2015 zertifiziert und gleichsam zugelassener Träger nach AZAV. Nur mit diesen Voraussetzungen können wir Qualifizierungen anbieten, die durch Kostenträger wie die Agentur für Arbeit oder die Jobcenter finanziert sind. 

Im Rahmen von Umschulungen zu einer neuen beruflichen Qualifikation zu kommen ist noch allgemein bekannt. Was verbirgt sich hinter Ihrem Bildungskonzept von Technologie-Centern? 

Die Technologie-Center in der IHK Akademie Schwaben zeichnen sich durch einen individuellen Starttermin aus. Trainingsbeginn ist der Zeitpunkt, wenn die Beratung abgeschlossen ist und die Förderzusage steht. Dann beginnt die Qualifizierung ohne weiteren Zeitverlust. Die Trainingsdauer in den Technologie-Centern ist im Regelfall nicht kürzer als ein Monat und dauert maximal sechs Monate.

Die tatsächliche Dauer richtet sich nach dem Zeitbedarf bis der Teilnehmer die individuell vereinbarten Kenntnisse und Fertigkeiten in der unternehmerischen Praxis auch anwenden kann. Je größer das zu vermittelnde Paket, desto länger dauert die Qualifizierung. Wöchentlich werden 40 Stunden gelernt und gearbeitet.

In unseren Technologie-Centern im Bildungszentrum Augsburg-West können praxisorientierte Lerninhalte für die Bereiche Metall/CNC/CAM, Schweißen, Konstruktion/CAD, Elektronik/SPS, Mechatronik und Textil erworben werden. Die individuell erreichten arbeitsmarktrelevanten Fertigkeiten und Kenntnisse bescheinigen wir nach bestandenem Abschlusstest detailliert in einem IHK Akademie-Zertifikat. 

Neben Privatpersonen, die über Bildungsgutscheine ihrer Kostenträger verfügen, nutzen auch Unternehmen Ihr Haus. Um welche Art von Qualifizierungen geht es hierbei? 

Unternehmen können einerseits ausgewählte Beschäftigte im Rahmen des Programms WeGebAU (Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Unternehmen) bei uns qualifizieren. Zielgruppe des Programms sind geringqualifizierte Beschäftigte und Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen. Gefördert werden können Personen, die von ihren Arbeitgebern für die Dauer einer Qualifizierung unter Fortzahlung des Arbeitsentgelts freigestellt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann dem Arbeitgeber ein Arbeitsentgeltzuschuss gewährt werden. Förderfähig sind grundsätzlich alle Maßnahmen, die berufliche Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern, der technischen Entwicklung anpassen oder das Ziel haben, einen beruflichen Aufstieg zu ermöglichen, einen beruflichen Abschluss zu vermitteln oder zu einer anderen beruflichen Tätigkeit zu befähigen. 

Es kommen aber auch junge Teilnehmergruppen aus den Unternehmen zu Ihnen? 

Ja, wir schließen Kooperationen mit ausbildenden Unternehmen und bringen unsere speziellen Kompetenzen im gewerblich-technischen Bereich in die betriebliche Ausbildung ein. Wir sprechen dann von Auftragsausbildung und übernehmen einzelne Ausbildungsmodule, größere Ausbildungssequenzen oder komplette Lehrjahre. Ebenfalls ist die Übernahme einer tiefgehenden Prüfungsvorbereitung möglich.

Wie würden Sie zum Abschluss des Interviews die besonderen Kompetenzen in Ihrem Bildungszentrum beschreiben? 

Ich komme gerne zurück an den Anfang unseres Gesprächs. Unsere Ambition ist es, die Teilnehmer mit dem nötigen Know-how auszustatten, um selbstständig nach der erfolgreichen Arbeitsvermittlung unterschiedliche Probleme und Aufgabenstellungen im Arbeitsalltag bewältigen zu können.

Wir richten unser pädagogisches Gesamtkonzept auf den komplexen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung unter Beachtung der jeweiligen individuellen Zugangsvoraussetzungen der Zielgruppe … und das bereits seit annähernd 40 Jahren.

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