Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW)

Interview: Gesund Arbeiten – wie sich psychische Belastung verringern lässt

Andrea Länger, Bereichsmanagerin Gesundheit am Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer der Universität Augsburg. Foto: ZWW

Die Diplom-Sozialpädagogin Andrea Länger ist Bereichsmanagerin Gesundheit am Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW). Seit diesem Frühjahr bietet dieses eine Seminarreihe zur Stärkung der seelischen Gesundheit am Arbeitsplatz an. Im B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN Interview verriet Andrea Länger nun, wie sich Stress am besten managen lässt.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Warum ist das Thema in der heutigen Zeit so wichtig? 

Andrea Länger: Da Fehlzeiten am Arbeitsplatz wegen psychisch bedingter Erkrankungen schon seit Jahren ansteigen, sind Arbeitgeber und Unternehmen zunehmend für die seelische Gesundheit sensibilisiert. Auch in der Gesellschaft insgesamt wird die Psyche stärker denn je als gesundheitsrelevant angesehen. Nicht zuletzt deshalb weil wir länger leben werden und darum unsere Arbeitsfähigkeit lang erhalten möchten und müssen.

Welches sind die häufigsten Faktoren für eine psychische Erkrankung

Es ist zu unterscheiden zwischen psychischen Erkrankungen und psychischen Belastungen. Nicht jeder Arbeitsunfähigkeit liegt tatsächlich eine psychische Erkrankung zu Grunde. Vielmehr handelt es sich häufig zunächst um Belastungsstörungen und Erschöpfungszustände.

Ursache für die Belastungen sind die heutigen Arbeitsbedingungen. Das Berufsleben erfordert von den Menschen eine sehr hohe Anpassungsfähigkeit. Ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit für den Arbeitgeber sind durch den schnellen technologischen Fortschritt vielerorts normal.

Die steigende Komplexität, höhere Eigenverantwortung und die Arbeit als Lebensmittelpunkt lassen die Grenzen zwischen Privatleben und Job verschwimmen. Der gefühlte Druck auf den Menschen steigt, seine Selbstbestimmung nimmt hingegen ab. Diese so genannte „Entgrenzung“ der Arbeit spielt bei psychischen Belastungen eine wichtige Rolle.

Wie lässt sich Stress am Arbeitsplatz am besten vermeiden?

Stress an sich ist ja noch nicht ungesund. Es kommt vielmehr auf die Bedingungen an, unter denen wir arbeiten. Arbeitnehmer brauchen ein gesundes Arbeitsklima in einer Gesellschaft, die seelische Nöte anerkennt und nicht tabuisiert.

Führungskräfte müssen für die Bedeutung der seelischen Gesundheit sensibilisiert und zum Thema gesunde Führung geschult sein. Ein wichtiger Schritt ist die Entwicklung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements, BGM, das psychische Belange ebenso selbstverständlich einbezieht wie körperliche. Innerhalb des BGM können die individuellen Belastungsfaktoren des Unternehmens sowie einzelner Arbeitsplätze analysiert werden. Neu eingeführte Strategien, Schulungen und Maßnahmen können dann die Gesundheit der Mitarbeiter stärken.

Aber auch die einzelnen Mitarbeiter sind in der Verantwortung. Um Belastungsstörungen zu verhindern, empfiehlt es sich beispielsweise Selbstmanagement-Strategien für einen gesunden Umgang mit Stress zu erlernen.

Wie offen stehen Führungskräfte diesem Thema Ihrer Erfahrung nach gegenüber?

Zurzeit sind Führungskräfte für dieses Thema sehr aufgeschlossen. Zum einen sind sie selbst ja dem gleichen Druck ausgesetzt wie ihre Mitarbeiter. Zum anderen fordert der Gesetzgeber seit 2014 die so genannte Psychische Gefährdungsbeurteilung von Arbeitgebern. Sie müssen also für den Arbeitsschutz auch solche Gefährdungen für ihre Beschäftigten ermitteln, die sich aus der psychischen Belastung bei der Arbeit ergeben.

Auf welche Anzeichen müssen Arbeitgeber bei ihren Angestellten achten?

Neben Fehlzeiten sind vor allem Spannungen in der Kommunikation und in den Beziehungen zu Kollegen Anzeichen für seelische Belastungen. Eine gesunde Kommunikation und gelungenes Beziehungsmanagement sind die beste Prävention für die seelische Gesundheit im Berufsleben.

Welcher volkswirtschaftliche Schaden entsteht durch eine Überlastung der Mitarbeiter?

Nach einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem letzten Jahr liegen 13,4 Prozent aller Fehltage psychische Belastungen zugrunde. Vermutet wird jedoch, dass die eigentliche Zahl höher liegt, die Menschen aber entweder keinen Arzt aufsuchen oder andere Diagnosen die psychische Belastung als eigentlichen Fehlgrund überdecken. Im Jahr 2013 waren 70 Millionen Versicherte wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben, seelische Gründe sind damit der dritthäufigste Grund für Fehlzeiten im Beruf.

Der betriebs- und volkswirtschaftliche Schaden kann derzeit nicht genau beziffert werden. Er entsteht durch hohe Behandlungskosten, eingeschränkte Produktivität, soziale und wirtschaftliche Verluste sowie verfrühte Austritte aus dem Erwerbsleben.

Die Investition in präventive Maßnahmen, wie Schulungen, Gesundheitsangebote im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements rechnet sich darum sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Berufstätigen.

von Iris Zeilnhofer

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