Kommentar

G8 – Ein gescheitertes Experiment

Symbolbild. Foto: iStock / inarik
Die nächste Generation von Mitarbeitern erklimmt in diesen Wochen eine weitere Stufe der Karriereleiter. Sie selbst sollten, ebenso wie ihre künftigen Arbeitgeber, erkennen, dass zeitoptimierte Laufbahnen nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Für eine beträchtliche Anzahl junger Menschen neigen sich dieser Tage ihre letzten Ferien dem Ende zu. Zwischen Ostern und Pfingsten geht es zum Endspurt aufs Abitur und dann in die Prüfungen. Der aktuelle Jahrgang beendet damit nicht nur seine eigene Vorbereitung aufs Berufsleben, sondern gleichzeitig auch die kurze Karriere des G8. Die um ein Jahr verkürzte Gymnasialzeit hat die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Nach langem, unprofessionell wirkendem Gezerre geht es zurück auf „Los“. Wobei das kommende G9 mit seinem Vorgänger nicht mehr viel zu tun hat.

Es sei hier nicht blindem Festhalten an bildungspolitischen Formen und Ritualen das Wort geredet. Mehr als jede andere gesellschaftliche Instanz ist die Schule gefordert, künftigen Generationen die Werkzeuge zu liefern, mit denen sie den Wandel unserer Welt in Griff bekommen. Dazu ist lebenslanges Lernen notwendig – nicht nur für die Schüler, sondern auch deren Lehrer und die zuständige Verwaltung. Schule und Unterricht haben sich in der Vergangenheit immer wieder ans Leben angepasst und verändert; sie werden das auch künftig tun.

Was derzeit allerdings unter den Tisch fällt, ist die Erinnerung an die Argumentation, die einst fürs verkürzte Gymnasium ins Feld geführt wurde: Die nachwachsenden Generationen müssten schneller ans Berufsleben herangeführt werden, mehr Praxis sei gefragt, weniger Theorie. Damit entspreche die Bildungspolitik einer Forderung der Wirtschaft, insbesondere vor dem Hintergrund eines wachsenden Fachkräftemangels.

„Die Wirtschaft“, die es so nicht gibt und auch nie gegeben hat, weiß inzwischen, dass die Rechnung nicht aufgeht. Sie weiß auch, dass es beim Fachkräftemangel ganz andere Hebel braucht als Gymnasiasten, die 12 Monate früher als Arbeitskräfte am Markt sind. Die dafür aber jede Menge Defizite mit sich bringen, zum Beispiel fehlendes gesellschaftliches Engagement, weil ihr Vollzeit-Unterricht die Zeit und die Kraft für Vereine, Orchester, Chöre und derlei mehr radikal gestutzt hat. Das auszugleichen kostet mehr an Zeit und Aufwand, als man vorher gewonnen hat. Ganz zu schweigen davon, dass Unternehmen eben nicht nach verschulten Akademikern suchen, sondern nach aufgeweckten Praktikern.

Es passt ins Bild, was Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor, dieser Tage bei der Vorlage einer Studie zu den 15-jährigen dieser Welt und dieses Landes zum Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden und den Leistungen der Schüler mit der Unterstützung durch Lehrer und Eltern gesagt hat: „Einfach von elterlicher Seite Interesse zu zeigen - ich muss sagen, dass wir die Stärke des Zusammenhangs so nicht erwartet hätten. Natürlich glaubt man, dass es eine Beziehung gibt zwischen diesen Größen, aber dass es so ausgeprägt ist, ist doch für uns überraschend gewesen.“

Weshalb kluge und weitsichtige Arbeitgeber gut daran tun, in die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter und in die nachhaltige Personalentwicklung ihres Unternehmens diesen Faktor „Eltern haben Zeit für ihre Kinder“ einzubauen. Die daraus erwachsende Rendite ist weit tragfähiger als jeder output-optimierte Stundenplan.

Den anstehenden Abiturientinnen und Abiturienten an dieser Stelle alle Wünsche für ein gutes Gelingen. Geht die Aufgabe entspannt an. Die wahren Prüfungen kommen später.

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