Gast der Redaktion

Dr. Held: „Ein Unternehmenskauf muss keine Katastrophe sein“

Dr. Ralf Held im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN
Nur knapp die Hälfte aller Unternehmenskäufe verläuft wie geplant. Rund 50 Prozent erfüllen die Erwartungen nicht oder scheitern. Warum das so ist und weshalb die häufig schwierige Lage gleichzeitig eine einmalige Chance ist, erklärt Dr. Ralf Held, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Post Merger Integration und Leiter des Geschäftsführungsbüros der Mediengruppe Pressedruck, im Gespräch mit unserer Redaktion.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Dr. Held, warum ist das Thema Integrations-Management so entscheidend für Unternehmen?

Dr. Ralf Held: Unternehmen verfolgen für gewöhnlich eine Wachstums-Strategie. Sie wollen eine kritische Masse erlangen, um wettbewerbsfähig zu sein, sprich: um zu überleben. Dieser Gedanke ist in der Regel der größte Treiber für Unternehmenskäufe. Die wenigsten machen sich jedoch rechtzeitig Gedanken zur Frage: Was passiert nach dem Kauf? Eine fehlgeschlagene Integration kann für ein Unternehmen sehr gefährlich werden.

Häufig gibt es große Fragen, die es zu klären gilt: Müssen Mitarbeiter entlassen werden? Wird der Standort verlegt? Wer bekommt nach der Übernahme welchen Posten? Das sind schwierige Themen, aber Schweigen macht es nicht besser.
Dr. Ralf Held

Können Sie hier Beispiele nennen?

Die Rover-Übernahme durch BMW ist ein bekanntes Beispiel für einen Unternehmenskauf, der die Erwartungen nicht erfüllt hat. Das Management musste das Vorhaben schließlich abbrechen. Ein gelungenes Beispiel ist die Übernahme der Verlagshäuser Südkurier und Main-Post durch die Mediengruppe Pressedruck. Auch der anfänglich stark kontrovers diskutierte Kauf von KUKA durch Midea scheint sich, wie die allgemeine Berichterstattung nahelegt, gut zu entwickeln.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Integration von Firmen?

Unternehmensprozesse, Business und Mitarbeiter müssen integriert werden. Dabei sind vor allem die letzten beiden Punkte sehr wichtig. Denn ohne die Mitarbeiter gibt es kein Business, gleiches gilt auch umgekehrt. Der vierte Punkt ist dann das Projektmanagement, also alles zu tun, um der Integration zum Erfolg zu verhelfen. Der Integrations-Prozess sollte insgesamt nach ein bis zwei Jahren abgeschlossen sein und nicht zum Selbstzweck werden.

Dr. Ralf Held zu Gast in unserer Redaktion. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

Unternehmenskäufe laufen häufig sehr emotional ab. Wie nehmen Sie die Mitarbeiter mit?

Am wichtigsten ist die Kommunikation. Häufig gibt es große Fragen, die es zu klären gilt: Müssen Mitarbeiter entlassen werden? Wird der Standort verlegt? Wer bekommt nach der Übernahme welchen Posten? Das sind schwierige Themen, aber Schweigen macht es nicht besser. Jeder fragt sich natürlich: Was passiert jetzt mit mir? Mein Tipp ist es, hier immer mit offenen Karten zu spielen. Nur so kann man sich die Unterstützung der Mitarbeiter sichern und die ist für eine erfolgreiche Integration enorm wichtig.

Welche Fehler werden auf Management-Ebene häufig gemacht?

Für viele Verantwortliche bedeutet ein Unternehmenskauf eine große Veränderung. Die anschließende Integration mag in einer Präsentation schnell gezeichnet sein, ist aber in Wahrheit auch sehr anstrengend. Hier ist ein realistisches Bild wichtig. Es sollte nichts eingefordert werden, was nicht umsetzbar ist – sei es vom Tempo, dem Know-how oder der Technik. Auch verschiedene Unternehmens-Kulturen gilt es zu beachten. Wenn beispielsweise ein Startup in einen sehr traditionellen Betrieb integriert wird, treffen häufig Welten aufeinander. Die Integration braucht dann einfach Zeit.

Welche neuen Herausforderungen ergeben sich gerade durch den digitalen Wandel?

Mit der Übernahme von Startups wird häufig ein disruptives Geschäftsmodell eingekauft. Dieses in ein etabliertes zu integrieren, ist im Wortsinn schon ein Widerspruch in sich. Eine Theorie ist, dass es eventuell einfacher ist, alte Geschäftsmodelle in neue zu integrieren als umgekehrt. Dies nennt sich dann inverse Integration.

Dr. Ralf Held im Gespräch mit unserer Redakteurin Rebecca Weingarten. Foto: Isabell Walter / B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

Wie schwer ist es, bei all der Komplexität keine Fehler zu machen?

Der Versuch, Fehler in einer Integration zu vermeiden, ist kaum umsetzbar. Denn die Palette möglicher Fehler ist schlichtweg zu groß. Wer also nach dieser Devise handelt, bremst sich selbst aus. Stattdessen empfiehlt sich, den Fokus auf Erfolge zu legen: Was hat beim letzen Mal funktioniert? Worauf wollen wir aufbauen?

Der Mittelstand hat es hier schwerer, weil Unternehmenskäufe nicht der Regelfall sind und Erfahrungswerte fehlen. Auch mangelt es häufig an Manpower und internem Know-how. Dabei ist die Zusammenführung von Unternehmen nach einer Fusion ein Vollzeit-Job. „Irgendwie nebenher“ funktioniert das nicht.

Wie lässt sich Integrations-Erfolg eigentlich messen?

Grundsätzlich müssen die Zahlen stimmen. Ein Business-Plan kann dabei helfen und vergleichen, welche Erwartungen zum Zeitpunkt des Kaufs bestanden und wie sich das Geschäft später, also Post Merger, in der Realität entwickelt. Das ist durchaus komplex, weil der Unternehmenserfolg auch von Marktfaktoren beeinfluss wird.

Noch schwieriger wird es, wenn die emotionale Ebene mit einfließt. Die Kernfrage lautet hier: Sind aus zwei Unternehmen wirklich eine produktive Einheit geworden? Hier sind Mitarbeiter-Befragungen ein sinnvolles Werkzeug. Dabei sollte die Stimmung im Unternehmen mehrfach zu unterschiedlichen Zeiten gemessen werden. Ist das Klima längerfristig schlecht, ist der Geschäftserfolg eventuell nicht nachhaltig. Das kann eine sehr gefährliche Situation sein.

Wie hilft die Gesellschaft für Post Merger Integration hier weiter?

Der gemeinnützige Verein versteht sich als Denkfabrik und hat seinen Sitz in Augsburg, ist aber bundesweit aktiv. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, unser Wissen weiterzugeben. Denn es gibt für die Post Merger Integration weder eine Ausbildung noch einen Studiengang. Einzig am Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer der Universität Augsburg wird ein Kurs angeboten, der sich umfassend damit befasst. Wir unterstützen diesen Studiengang und wollen zeigen: Die Materie ist schwierig, aber es gibt Lösungen. Eine Unternehmenskauf muss keine Katastrophe sein.

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