Kommentar

Daten in der Heimat behalten: Alles andere als einfach

Symbolbild. Foto: iStock / Pinkypills
Das deutsche Online-Bezahlsystem paydirekt ruft gerade die Datenschützer auf den Plan. Dabei zeigt sich, dass Merkels vier Jahre alte Bemerkung über das „Neuland Internet“ doch nicht ganz ohne war.

Die Aufregung ist gerade mal wieder groß in Sachen Datenschutz. Im Feuer steht das Online-Bezahlverfahren „Paydirekt“, das von deutschen Banken und Sparkassen entwickelt worden ist, um das Feld nicht ausschließlich Anbietern aus dem Ausland zu überlassen. Kern der erhobenen Anwürfe ist die Weitergabe von Stammdaten zu Onlinekonten durch einige Sparkassen an paydirekt, womit diese Konten grundsätzlich für den Bezahldienst eingestellt werden, wobei die Kunden die Nutzung auch ablehnen können. Datenschützer sehen das kritisch, das virtuelle Geschrei in den diversen Foren und Social Media ist groß – Sparkassen-Bashing und die üblichen Abwanderungsdrohungen zu anderen Instituten inklusive.

Womit die Anwürfe letztlich zur Farce geraten: Wenn sie auf Plattformen formuliert werden, auf denen die Teilnehmer nicht nur Stammdaten preisgeben, sondern Sozialprofile. Auch die Drohungen gehen ins Leere, weil „paydirekt“, ähnlich wie früher „eurocheque“, eben ein gemeinschaftliches, einheimisches System ist, an dem alle relevanten Finanzgruppen in Deutschland beteiligt und damit an der Akzeptanz von paydirekt interessiert sind. Was an einem Produkt „made in Germany“, bei dem alle Informationen des „Wer kauft wann wo was?“ bei der Hausbank bleiben, schlechter sein soll als an einem Dienstleister „made in elsewhere“, der zu den Stammdaten auch sämtliche Verbrauchs- und Einkaufsdaten einsammelt und verwertet, erschließt sich dem differenzierenden Betrachter sowieso nicht. Sprich: Datenschutzbedenken kommen zu spät, wenn schon fast 20 Millionen Deutsche einen paypal-Account nutzen, dessen Daten außer Landes gemanagt werden.

Im Sinne ihrer Kunden auf beiden Seiten des Ladentischs, offline wie online, haben die deutschen Finanzinstitute richtig gehandelt, indem sie – besser spät als nie – ein eigenes Bezahlsystem geschaffen haben. Dass große Anbieter wie Otto oder Saturn es nutzen, dass aber auch Unternehmen wie Gefro oder Dr. Grandel darin ihre Chance sehen, spricht nicht nur für ein gesundes Wettbewerbsverständnis. Es ist auch ein Bekenntnis zu dem Prinzip, nicht nur den Klick in der Heimat zu behalten, sondern auch die dahinterliegenden Daten.

Die durch die aktuellen Vorgänge aufgewühlten Diskussionen weisen aber noch auf etwas anderes hin, das uns zu intensiverem Nachdenken anregen sollte als die Frage nach der Verwendung von Stammdaten: Sind wir eigentlich mehrheitlich und vollumfänglich „fit“ fürs Digitale? „Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“ Vier Jahre, zwei Monate und drei Wochen ist es her, dass die Bundeskanzlerin mit diesem Satz die Netzgemeinde in Aufruhr versetzte. Der Tenor der Reaktionen unter den Kundigen: „Wo lebt die denn?“

Rückblickend, also in dem Zustand, in dem man immer schlauer ist, mag man ihr noch immer vorhalten, dass der Begriff „Neuland“ zu unscharf war – der Rest ihrer Bemerkung aber in vollem Umfang zutraf. Genauso, wie ein Columbus unerwartet auf eine neue Welt jenseits des Atlantiks stieß, haben wir Heutigen dort ganz unerwartet jemand entdeckt, der mittels Twitter zu regieren versucht. Mal ganz ehrlich: Haben Sie das 2013 für möglich gehalten?

Im Umgang mit der Digitalisierung von Gesellschaft und Kommunikation mangelt es den meisten von uns bis heute an realistischen Vorstellungen davon, wie beides unseren Alltag morgen tatsächlich prägen wird. Ideen und Ahnungen gibt es viele, im Guten wie im Schlechten, was reichlich Platz schafft für Ängste und Sorgen sowie die ganze Unsicherheit, die das Betreten von Neuland mit sich bringt. Wir ahnen es: Skandalisierung schafft hier keine Abhilfe, bequeme Regelungen „von oben“ auch nicht. Wie immer, wenn es ans Lernen geht, wird es mühsam und aufwendig. Diesmal ganz besonders.

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