Kommentar

Überholverbot für LKW: Mit Lichthupe in den Wahlkampf

Symbolbild. Foto: iStock / XXLPhoto
Laut „Augsburger Allgemeine“ prüft Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt derzeit ein allgemeines Überholverbot für LKW auf deutschen Autobahnen. Eine sinnvolle Maßnahme – oder nur ein politisches Überholmanöver?

Bereits im November 2016 verabschiedete die CSU ein Grundsatzprogramm, in dem das Thema auftauchte. Damals hat sich der Parteitag mit knapper Mehrheit dafür ausgesprochen, ein LKW-Überholverbot auf zweispurigen Autobahnen herbeizuführen. „Elefantenrennen behindern den Verkehr“, so ein Zitat von Bundesminister Alexander Dobrindt zu diesem Thema. „Die Rechtslage sieht heute schon vor: Überholen darf nur, wer mit wesentlich höherer Geschwindigkeit fährt – und zwar mindestens 10 Kilometer pro Stunde schneller. Dennoch habe ich die Bundesanstalt für Straßenwesen gebeten, eine Untersuchung durchzuführen. Nach der Vorlage der Untersuchung ist zu entscheiden, ob weitere Maßnahmen ergriffen werden.“

Zu diesen weiteren Maßnahmen könnte laut „Augsburger Allgemeine“ ein generelles Überholverbot für LKW gehören. So zitiert die Zeitung den Bundesminister. Doch wie sinnvoll wäre eine solche Maßnahme wirklich? Und wie würde sie sich auf die gerade für den Wirtschaftsstandort Augsburg und Schwaben so wichtige Logistikbranche auswirken?

Wir haben bei einem der führenden Köpfe der Logistik in Augsburg nachgefragt, wie sinnvoll ein allgemeines Überholverbot für LKW wäre. Gianluca Crestani, Vorstand der Andreas Schmid Logistik AG, hält zu Recht nicht viel davon. „Welchen Beitrag zur Verkehrssicherheit ein generelles Überholverbot tatsächlich leisten soll, erschließt sich mir auch nach eingehender Reflektion nicht im Entferntesten“, lautet Crestanis klare Meinung. Sorgen um die Zukunft der Logistik macht er sich allerdings nicht: „Ich bin mir sicher, dass wir uns mit diesem Szenario nicht ernsthaft beschäftigen müssen.“

Dabei hat Crestani auch eine Idee, welche Maßnahmen wirklich dazu beitragen könnten, den Verkehr zu entlasten: „Es wäre viel ergiebiger – und zwar nicht nur für die Logistikbranche – wenn sich das Verkehrsministerium deutlich intensiver mit intelligenten Verkehrsleitsystemen und dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur beschäftigen würde. Sowohl der Individualverkehr als auch der Güterverkehr werden auch in den nächsten Jahren weiter stark ansteigen. In vielen Regionen herrscht schon jetzt der verkehrstechnische Kollaps.“

Gerade im Großraum Augsburg dürfte dieser Zustand vielen bekannt vorkommen. Wer nach München oder zum Flughafen MUC unterwegs ist, verliert selbst auf den ausgebauten A8 und A99 reichlich Lebenszeit. Doch auch in anderen Ballungsräumen wird der Verkehrsfluss zunehmend gehemmt. So sind die Augsburger Hauptverkehrsadern vor allem im Berufsverkehr schon lange chronisch überlastet. „Deutschland ist ein dynamischer Standort. Ein ‚weiter so wie bisher‘ kann und darf es nicht geben. Es würde sowohl das wirtschaftliche Wachstum, als auch die Lebensqualität der Bevölkerung auf Dauer massiv gefährden“, ist Crestani überzeugt.

Wie also sind die möglichen Pläne von Verkehrsminister Dobrindt für ein generelles Überholverbot für LKW einzuordnen? „Da wir uns im Moment im Bundestagswahlkampf befinden, scheint bei dem einen oder anderen Politiker das überschüssige Adrenalin offensichtlich den Verstand einzutrüben. Anders kann ich dies nicht einordnen“, so die eindeutige Antwort des Logistik-Experten.

Klar ist: Das Verkehrsaufkommen auf deutschen Straßen wird weiter steigen. Um einen Kollaps zu vermeiden, müssen dringend neue Lösungen her. Hersteller wie Daimler, Scania und Volvo haben hierfür eine Vision: Sie bauen auf den vernetzen LKW. Die Trucks der Zukunft sollen miteinander kommunizieren können, Sprit sparend im Windschatten voneinander fahren und automatisch bremsen können. Dies ist nur ein Ausschnitt dessen, was die Digitalisierung der Branche möglich macht, doch er zeigt: Die Revolution auf deutschen Straßen geht von einer  Logistik aus, die ihre Chancen nutzt – und nicht von Überregulierung und Verboten.

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